»Vom Norden zu Euch ist es gekommen!« ereiferte sich Tamara, »von da oben, wo alles rein russisch blieb. Wo auch später nicht einmal der Tatar hindrang —.«
Marianne verließ sie zwischen Küche und Stubenthür im vollsten Streit. Sie lachte noch, als sie auf den Hof hinaustrat zwischen die gurrenden Tauben. Beschämt sah sie nach ihrer Uhr. Noch konnte sie rechtzeitig zur Unterrichtsstunde kommen, doch mußte sie sich tüchtig beeilen.
Eine Weile später durfte sie endlich für kurze Zeit heimgehn. —
Obgleich Marianne müde war, machte sie den Heimweg zu Fuß. Das Schneetreiben hatte nachgelassen, hier und da schaute schon die Wintersonne freundlich zwischen zerrissnem Gewölk hervor.
Marianne liebte es, durch diese Straßen zu wandern, die ihr bei ihren Gängen tagein, tagaus, jahrein, jahraus vertraut geworden waren wie ein Heimatort. Das Ungeordnete und Halbasiatische auf vielen von ihnen störte sie nicht mehr, — nicht die Bettler oder Betrunkenen, die ihr begegneten, nicht die grellbemalten Schenkenschilder mitten zwischen dem bizarren Glanz der zahllosen Kirchen und Kapellchen.
Und sie mußte lächeln, wenn sie schmale, hügelige Gassen sich plötzlich auf einen jener Riesenplätze öffnen sah, die wie weite Ebenen sein konnten, und an deren Rande mitunter kleine Häuser kindlich dastanden wie Spielzeug neben den ungeheuren Raumverhältnissen mancher Nachbarbauten.
Denn der Raum hatte hier keine Bedeutung, keinen Hochmut; keine Pracht schien sich ihrer Größe zu rühmen, und keine Bescheidenheit möglichst eng zusammenzukriechen. Größe und Kleinheit warfen friedlich ihren Wert in eins, nachlässig zu einander gesellt, wie Baum und Grashalm in derselben Landschaft.
Sogar der Kreml, der von jedem Punkt Allgegenwärtige, erschien fast nur zufällig groß: als im Grunde wesensgleich irgend einem der kleinen heiligen Altarschreine in Kapellenform, wie sie Fürst und Bauer zu eigen besitzen, — aber von der Inbrunst einer gewaltigen Andacht irgend wann einmal in solchen Dimensionen geschaut und fixiert, daß er fortan immer allen sichtbar blieb, immer allen gemeinsam gehörte —.
Mitten in der Stadt sah sie, wie dort so oft, ein kleines mageres Füllen neben dem Mutterpferd traben, das einen Lastwagen zog. Das glückliche Pferd! es brauchte nicht von seinem Kinde fort, wenn es auf Arbeit ging.
Marianne fand: alle Arbeit, die Frauen thun, müßte so weise eingerichtet sein.