»Nein, ich muß ohnehin so viel sitzen. Und die Luft thut jetzt gut. Ich gehe so gern durch all die Buntheit und Herzlichkeit des Straßenlebens hier; wenns die Zeit nur öfter erlaubte! Sie nicht?«
Tomasow zuckte mit einer Gewohnheitsgebärde die Achseln.
»Wie mans nimmt. Meistens ärgere ich mich dabei, weil ich mich frage, warum in aller Welt einen das Heimweh immer wieder auf den alten Fleck zurückzieht? So oft ich versuche, auf längere Zeit fortzugehn, — ich komme doch wieder. Was soll man aber hier? Ja, wäre man noch ein richtiger dem Grabe entstiegener Altrusse von vor Peters Zeiten, so einer mit langem Bart und langem Kaftan —! Denn sonst würgt man hier ja nur an alledem, wozu man sich eventuell im europäischen Geistestreiben mit entwickelt hat. — — Ich will mich nicht entschuldigen, aber das macht so merkwürdig indolent.«
»Sobald Sie Ihre Russen von Herzen lieben, haben Sie auch einen Wirkungskreis unter ihnen,« meinte Marianne.
»O nein! Das ist ein Irrtum. Sehen Sie sich nur einmal das Volk an mit seinem breiten Gleichmut gegen die ganze eigentliche Welt der Kultur, — wie es alle seine wirklich tiefen Interessen anderswo hat, — was weiß ich, wo: bei Wind, Wetter, Tod, Musik, Ammenmärchen, Heiligenbildern — —. Mit seinen Aufklärern war es noch nie eins. Gegen sie lehnt es sich auf. Und dies Naturell, dies seelische Tempo, ist mindestens ebenso oft schuld an seinem Zurückbleiben, wie unsere oft verrufenen Zustände.«
»Ich weiß schon! Fangen Sie nur nicht an zu politisieren!« sagte Marianne. — »Lieber will ich es sein, die Ihnen von diesem Volk erzählt: zum Beispiel könnte ich Ihnen davon erzählen, warum ich hier, in dieser russischen Stadt, so gern grade an Sonntagen eine Gemäldegalerie besuche, wo auch das Volk vor den Bildern steht —. Es tritt leise auf mit seinen schweren Stiefeln und ist voll von Andacht. Haben Sie eine solche Andacht schon anderswo häufig beobachtet? Man muß nur in des Volkes seelische Art eingehn, um seine Seele zu fassen.«
»Das mag alles sein. Indessen für den einzelnen bleibt das geistige Unbehagen, hier zu leben, weil das Volk in seiner Aufklärung noch nicht weiter ist.«
»— Oder weil wir nicht tiefer sind, mit all unserm Geist,« meinte Marianne nachdenklich. »Jedes Menschenleben sollte doch von jedem Punkt aus, durch die aufrichtige Macht seines Erlebens, bis in alle Tiefen gelangen können, — nicht nur da, wo der Verstand es so herrlich weit gebracht hat. Könnten wir uns nicht durch unsre einseitige Geistigkeit um dieses Kostbarste bringen? — — Was Ihnen hier auf die Nerven fällt, mein lieber Freund, das thut mir so unendlich wohl bis in alle Nerven. Es ist wie ein Trost, wenigstens für den, der, wie ich, nicht mehr mit kann in der großen Kulturhetze, in den immer rastlosern Fortschritten, in der ganzen nimmersatten Selbstentwicklung —«
Marianne sprach lebhaft, fast übereifrig.
Tomasow warf ihr einen aufmerksamen Blick zu. Es war selten, daß sie etwas äußerte, was wie Resignation über ihren Tagesberuf klang, der sie zu nichts anderm kommen ließ.