»Ein Trost, den Sie aber doch am allerwenigsten brauchen,« bemerkte er, »so frisch und angeregt wie Sie —«

»— Von Stunde zu Stunde laufen!« ergänzte sie mit gutmütiger Ironie. »Ja, so ist es nun einmal: Zeit und Schwung läßt das nicht übrig. Und ich würde jetzt eine traurige Rolle spielen in euren glänzenden Geisteszirkeln, unter euren entwickelten Menschen, von denen Cita und auch Sie so gern aus eurem ausländischen Leben erzählen —«

»Unsinn, Ma!« fiel er ein. »Niemand in der Welt eignet sich so herrlich dazu, wie Sie, zwischen solchen Menschen zu leben. Sie würden dort strahlen —«

Marianne schüttelte den Kopf.

»Nein, das würd ich wohl nicht, und das will ich ja auch gar nicht. Aber es ist doch gut für mich, daß ich nicht so ganz nah dabei stehn muß —. Ich würde die Liebe zu meinem Alltagsdasein nicht festzuhalten vermögen und fühle doch: sie ist das allein Wichtige, das allein Ausschlaggebende — —. Hier gibt es ja genug Hochstehende, Schaffende, Menschen über den Alltag hinaus. Aber sie leben einsam, und leben insgeheim doch nur für das Volk. Schon der Lärm der offiziellen Hauptstadt ist ihnen zu viel, deshalb ziehen sie hierher, — und am liebsten weit hinaus, bis an die Grenzen der Stadt, wo schon die Gärten beginnen.«

Marianne nahm Tomasows Arm und fuhr leiser fort: »Ihnen will ich gestehn, daß ich manchmal, aus tiefer Sehnsucht nach Erquickung heraus, hier und da ein Künstleratelier besucht habe — —. Aber auch die, zu denen ich nie gekommen bin, meine ich zu kennen, als hätte ich heimliche Zugänge zu ihnen in allen müden Stunden. — Für mich gibt es noch ein zweites Moskau in Moskau, — mit stillern Straßen, als die ich Tag für Tag betrete, und mit Häusern, wo große Menschen wohnen, die ich verehre. Und manchmal, wenn ich so von Stunde zu Stunde haste, belebe ich meine eigne Ermüdung damit, daß ich mir einbilde, ich ginge gar nicht zu meiner Lehrstunde, sondern zu einem von ihnen —.«

»Und immer noch wieder leben Sie ein Leben, wovon man nichts weiß!« entfuhr es Tomasow. — »Wie können Sie nur von Schwunglosigkeit sprechen? Wer so viel Trost wie Sie schöpft aus —«

»Warten Sie einen Augenblick!« unterbrach Marianne ihn unvermittelt und zwang ihn, mitten auf der Straße stillzustehn, während sie sehnsüchtig nach den ausgelegten Waren eines Straßenobsthändlers hinsah.

Der junge Bursche hatte sein Fruchtbrett vom Kopf gehoben und hielt, sich vor Marianne und Tomasow auf ein Knie niederlassend, ihnen erwartungsvoll seine Zitronen, Aepfel und prachtvollen Südtrauben entgegen.

»Ach, wer kann an so etwas vorübergehn!« bemerkte Marianne seufzend und wählte mit entzückten Augen unter den großen tiefblauen Trauben. Tomasow sah zu, wie eifrig sie bei der Sache waren, der junge Händler und sie. Beide lachten vor Vergnügen.