Marianne strich ihr liebreich über das schimmernde blonde Haar. Ihre Augen aber schauten großgeöffnet über ihr Kind hinweg.

Dann stand sie auf.

»Man braucht nur ein wenig wieder ›daheim‹ zu sein, um gleich wieder zu vergessen, daß es auch noch ein ›Draußen‹ mit allerlei Pflichten gibt, — ich muß ja fort,« sagte sie zu Cita, die eben eintrat und einen heimlich verwunderten Blick auf das thränenfeuchte, gerötete Gesicht der Schwester warf.

»Ach, mußt du schon gehn, Ma? Ist es nicht zu früh?« Cita holte schnell den Pelz und die Ueberschuhe vom Vorflur herein. »Komm, ich helfe dir! Du wirst wohl von Tante Ottilie später nach Hause kommen, als wir.«

»Wohl nur wenig später,« meinte Marianne, »und ihr wißt: wer zuerst kommt, geht schlafen, ohne zu warten, — nach unsrer alten Verabredung.«

»Es ist aber wirklich noch viel zu früh, deine Stunde fängt viel später an,« murmelte Sophie, die der Schwester Mas Ueberschuhe hastig aus der Hand gezogen hatte. Sie kniete mit ihnen zu Füßen der Mutter, um sie ihr anzuziehen.

Marianne ließ es schweigend geschehen.

»Lebt wohl, ihr Kinder, und vergnügt euch so gut wie möglich! Der Himmel ist jetzt klar, und ich denke, ihr bekommt herrlichen Sternenschein zu eurer Ausfahrt.«

Sie sagte es einfach und harmlos. Aber die Art, wie sie beide noch einmal küßte, war voll unterdrückter Leidenschaftlichkeit. Rasch ging sie fort.

Die reine kalte Winterluft draußen that ihr wohl. Ihr war das Herz plötzlich so schwer geworden, so bange und schwer.