Einen Augenblick lang, vorhin, fühlte sie deutlich, — so deutlich wie in einer grellen höhnischen Beleuchtung, die sie blendete und verwirrte, — ihre beiden Kinder fern von sich: die eine lebenssicher, im Grunde fertig, nur noch ein Gast im Mutterheim, und die andre — ja, die andre sich sehnend, — sich von ihr hinwegsehnend.
Es war in der That noch nicht die Zeit für die beiden Privatstunden, die sie, ganz in der Nähe von Ottiliens Wohnung, in einem reichen Kaufmannshause zu geben hatte. Es hatte sie nur nicht länger gelitten, mit ihrer wehen Angst, unter den Augen der Kinder.
Marianne ging einige Straßen weit in der Richtung auf ihr Ziel, dann blieb sie unterwegs vor einem Stift für arme Frauen stehn. Von zwei kleinern Nebenbauten flankiert, lag es lang und flach hinter einem grün angestrichenen hölzernen Zaun.
Noch ehe sie sich überlegt hatte, ob sie eintreten wolle, war sie bereits aus einem Fenster des Erdgeschosses von derjenigen bemerkt worden, der ihr Besuch galt.
Kaum stand sie im steingepflasterten Flur, der die ganze Mitte des Hauses durchschnitt, als sich auch schon eine der vielen Zimmerthüren zu seinen beiden Seiten öffnete, und die ihr wohlbekannte energische Stimme auf russisch erfreut herausrief: »Willkommen! Willkommen! Frau Marinka!«
Aus dem Hintergrunde des Flurs, wo dieser in ziemlich dunkle Küchenräume zu münden schien, quoll starker Dampf und Speisegeruch. Eine dralle Magd, mit aufgekrempelten Aermeln und in Bastschuhen, schlürfte vorüber.
Aber im Zimmer selbst, das Marianne betrat, war es, trotz seiner rohen grellbunten Tapete und den ungestrichenen Dielen, nicht unbehaglich. Wer hier eigne Möbel um sich aufstellen konnte, entbehrte nicht ganz eines gewissen Komforts.
Aus einem Sessel am Fenster hatte sich eine große, starkknochige Sechzigerin erhoben und ging Marianne belebt entgegen, wobei sie sich auf einen Stock stützte.
»Nun, meine Liebe, das ist wirklich aufopfernd von Ihnen, — ich wäre Ihnen auch längst auf dem zugkalten Flur entgegengelaufen, aber, Sie wissen: die dumme Gicht! Und Doktor Tomasows Verbot! — Setzen Sie sich, meine Einzige; was kann ich Ihnen anbieten: Thee, Obst, Schokolade, Konfekt oder etwa kaltes Rebhuhn?« — fragte sie, in rascher, lebhafter Rede, mit der Miene einer Schloßfrau, die bewirtet; zugleich hob sie den Krückstock und deutete damit auf die verschiedenen Stellen im Zimmer, wo die angebotenen Herrlichkeiten ihren Platz gefunden hatten.
Marianne mußte lächeln, sie sah um sich. Ja, da standen in der That allerlei Leckereien, — die guten Bekannten hatten sie gebracht.