»Ach, Wera Petrowna, das ist ganz gut, aber daß Sie hier wohnen müssen! Sie sollten es jetzt besser haben: hat Tomasow Ihnen von der neuen billigen Pension erzählt?«
Wera Petrowna lachte voll Nichtachtung und zeigte dabei ihre starken, gelblichen, wohlerhaltenen Zähne.
»Thorheit, meine Liebe, Thorheit!« sagte sie und zog Marianne neben sich auf das große, mit verblichener geblümter Wolle überzogene Sofa. »Von meinem winzigen Gelde kann ich auch in der billigsten Pension nicht leben. Armenstift, — das ist Vorurteil. — Und Konfekt und Rebhuhn, das ist ja recht schön, aber wenn meine Verwandten glauben, daß sie mich dadurch ködern und willfährig machen können, — daß ich deshalb bei ihnen irgendwie als gute Tante unterkriechen würde! — Ich esse einfach die guten Sachen, und komme doch nicht.«
Die Alte wußte ganz gut, welch schmerzlicher Stein des Anstoßes ihren ansehnlichen Verwandten ihr »Schloß« war, wie sie das Armenasyl nannte.
Sie nahm bedächtig eine Prise.
»Kommen Sie nicht vielleicht morgen zu uns zum Frühstück?« fragte Marianne. »Heute habe ich knapp Zeit, aber dann könnten wir von den Weihnachtseinkäufen plaudern. Ich weiß schon, daß Sie so gut sind, mir mancherlei Besorgungen abzunehmen, — ich komme ja erst dicht vor Thorschluß dazu.«
Wera Petrowna nickte.
»Ja, so gut bin ich, — sehr gern, thu ich sehr gern. Sie wissen ja, wie für mein Leben gern ich in den schönen Läden herumflankiere. — Mit einigen blanken Rubeln oder ein paar Papierscheinchen lauter gute Dinge ansehen und bestellen, — nun, und die Verkäufer, die haben auch höllischen Respekt vor meinen scharfen Augen und müssen herzeigen, worauf ich mit dem Stock weise, — und sollten sie sich selbst beim Hinundherklettern den Hals verrenken.«
»Aber reinen Mund vor den Kindern!« warnte Marianne.
»Natürlich. Freue mich recht, morgen die beiden wiederzusehen. Sah die Cita ja lange nicht. Und sie sind beide so recht hübsch zum Ansehen, — nun, auch zum Sprechen gut, wirklich sehr gut. Schade, zu denken, daß so was bald weggeheiratet wird. Schade, schade.«