»Ganz so pessimistisch urteile ich darüber nicht, ein solches Fortgehn ist nicht das schlimmste Fortgehn,« sagte Marianne leise.
»Nun, ist vielleicht auch wahr. Wenn ich so denke, wie es mir erging. Verschlagen ins ärgste Gutsleben in entlegenster russischer Provinz — vom ersten Tage der Ehe an. Und hineingekommen mitten aus der feinsten städtischen Erziehung, — ja, alles, was wahr ist: mitten aus den feinsten Pensionaten und voll von allerlei Bildungsbedürfnissen. Und trotzdem — was meinen Sie wohl? — trotzdem hab ich doch diesen Menschen bis an seinen Tod angebetet, diesen prachtvollen Jungen, meinen Mann! Konnte er etwa mehr als Gutsarbeit, Trinken, Spielen —? Nein, keine Spur! Und brutal war er auch, wenn er nicht grade zärtlich war. Was that mir das alles? Tottreten hätt er mich dürfen! — — Nun ja, Leidenschaft ist blind und taub, das weiß man ja, — und mitunter ist sie auch unglaublich dauerhaft dabei, — das muß wahr sein. — — Die längste Zeit des Lebens ist man einfach verrückt.«
Es klang fast cynisch. Marianne kannte diesen Ton. Aber auch das kannte sie: daß Wera Petrowna dasaß und durch ihr lebhaftes Erzählen von irgend etwas Marianne von der Unterhaltung enthob, weil sie merkte, wie wenig Marianne, ihrer lieben »Marinka«, nach Unterhaltung zu Mute sei. Und was merkte sie nicht? Gewiß schon bei den ersten Begrüßungsworten hatten diese hellgrauen fast ironisch blickenden Augen alles, was sie wollten, gesehen.
Wera Petrowna griff nach einem frisch angebrochenen Zigarettenkästchen und machte Feuer.
»Geschenk von meinem Neffen!« bemerkte sie kurz. »Und Sie rauchen noch immer nicht? — — Wird auch noch kommen, meine Einzige, wird auch noch kommen. Wissen Sie überhaupt: alle wahren Genüsse kommen im Alter, — und so weit sind Sie eben noch immer nicht, Sie Aermste. — Da hat man nämlich erst die Ruhe dazu, — ich meine: so die inwendige Ruhe. Man hat kälteres Blut. Taxiert die Dinge anders. Nimmt nicht alles so wahnsinnig persönlich, woraus ja doch allein alle schrecklichen Schmerzen kommen. — Nun, ich will Ihnen übrigens alle diese spannenden Vorteile nicht vorweg erzählen, Sie erleben sie ja auch noch. — Es ist wirklich zu schön, sagte der Bauer, und da ließ er sich zur Ader, so lange, bis er starb —.«
Sie lachte auf und rauchte wie ein Schornstein.
Marianne sah nach der Uhr.
»Jetzt muß ich zur Stunde,« sagte sie bedauernd, »also auf morgen. Wie gut und ruhig sitzt es sich bei Ihnen, man ruht aus.«
»Ja, mein Täubchen, wollten Sie nur noch bleiben, — ich würde gern das Maul halten; übrigens, ich begleite Sie, wenn Sie erlauben. Fahre mit der Pferdebahn von der Ecke an in der Richtung der Schmiedebrücke. Ich habe, weiß Gott, hier nichts zu thun. — Für gestern abend bekam ich richtig noch ein überzähliges Theaterbillett zugesteckt. Ein Lotterleben führt die Alte, was?«
Sie erhob sich schwerfällig und streichelte Marianne liebkosend die Wange.