»Ein Leben, um dessen Frische und Elastizität der Jüngste Sie beneiden muß,« versetzte Marianne, »wer von uns würd es an Ihrer Stelle wohl ohne Trübsal aushalten — bei diesem Mangel an dem Ihnen gewohnten Behagen und Ueberfluß?«
Wera Petrowna hatte ihre Haube von dem ganz dünnen grauen Haar heruntergenommen und band sich umständlich einen wattierten Kapottehut, mit Ohrenklappen für den Wind, auf dem Kopf fest.
»Behagen? Da hust ich drauf!« antwortete sie derb, und es wetterleuchtete von Spott über ihren scharf geschnittenen Zügen; »was schert mich denn das bißchen Behagen? Eiderdaunen und Tischporzellan, fette Braten und Dienerschaft rechts und links, bis man sich nicht mehr rührt noch regt, sondern irgendwo einschläft. Mit all dem Behagen haben wir uns da hinten auf dem Gut gestopft, wie Mastgänse. Das Behagen quoll uns direkt zum Halse heraus. Aber das Leben stand mir still, — all mein Leben, bis auf das eine verliebter Leute. Nun bin ich als Mastgans alt geworden, aber vom Leben will ich noch schnell was mitnehmen, soviel eben eine alte Gans noch begreift.«
Sie ließ sich von Marianne in ihren Pelz helfen, versorgte sich reichlich mit Zigaretten und klapperte mit ihrem Stock auf den steinernen Flur hinaus.
Sie gingen nur ein kleines Stück gemeinsam, bis zu der Pferdebahn.
»Sehen Sie, da kommt sie schon!« sagte Wera Petrowna mit innigem Vergnügen und wies mit ihrem Stock auf den herannahenden Straßenbahnwagen: »Und nun geht es für bloße fünf Kopeken mitten hinein in die Wagen und Menschen, Schauläden und Ausstellungen — und sogar in die Unglücksfälle — meinetwegen, wenn das Genick doch schon gebrochen sein muß.«
Marianne blieb lächelnd stehn, bis sie die Alte im Inneren des Wagens gut placiert sah, dann schritt sie schneller aus, zu ihrer Privatstunde.
Die Eindrücke des heutigen Nachmittags zu Hause traten dabei langsam in den Hintergrund, und die Notwendigkeit, alles zurückzudrängen, was sie nicht in ihren Beruf mitbringen durfte, erwies sich, wie so oft, heilsam befreiend für ihre Stimmung. Als sie vom Unterricht zu ihrer Schwester ging, hatte ihre Grundnatur, getrost und tapfer, bereits wieder den Sieg über die Traurigkeit gewonnen.
Es war schon halb neun Uhr. Sie kam bei Ottilie grade noch zum Abendthee zurecht. Neben dem Tisch im Eßzimmer dampfte schon der silberne Samowar auf seinem Gestell, die Theegläser standen bereit und dazwischen flache Schüsseln mit eingekochten Früchten und mit winzigen belegten Brotschnittchen, — jedes grade ein Mundvoll groß, fast so zierlich wie Konfekt hergerichtet.
»Aber seid ihr etwa nicht allein heute?« fragte Marianne beunruhigt, als sie diese kunstvollen Zuthaten zum Abendthee wahrnahm und die hübschen gestickten Tellerservietten, — Ottiliens eigne mühsame Handarbeit.