»So gut wie allein,« versetzte ihr Schwager, der sie empfangen und hereingeführt hatte, »Ottilie sitzt nur noch drinnen mit einem Fräulein — eine ausländische Konzertsängerin, glaub ich —. Jedenfalls schwärmt Tilie für das Fräulein Clarissa.«
Er machte bei seinen Worten ein gutmütiges, behagliches Gesicht. Ihm gefiel, wenn schon nicht die Konzertsängerin, so doch der um ihretwillen so schön bestellte Theetisch sehr gut.
Ueber die Schüssel mit den zierlichen Brotscheibchen gebeugt, steckte er eins davon, mit geräuchertem zartrotem Lachs belegt, in den Mund. Grade wollte er Marianne auffordern, sich der gleichen Beschäftigung hinzugeben, als seine Frau mit dem fremden Fräulein bereits eintrat.
Nun wurde nach den Kindern gerufen, man nahm geräuschvoll Platz und tauschte die üblichen Redensarten. Inotschka, die dreizehnjährige Tochter, erschien schüchtern an der Thür, sie machte vor der Fremden ihren eingelernten Knix mit einer Befangenheit, die sie linkisch aussehen ließ und die schlanke Grazie ihrer feinen Bewegungen ganz verwischte.
Rot bis an den lichtbraunen Haarschopf über ihrer Stirn, setzte sie sich in ängstlicher Haltung neben ihre Mutter, deren Stirnrunzeln sie schon bemerkt hatte. Aber dabei flog ihr Blick mit einem Aufleuchten zu Marianne hinüber, die von ihr in all der Verlegenheit nicht einmal begrüßt worden war. Dafür grüßten sie ihre Augen nun fortwährend und brachten dadurch ihr Theeglas in Gefahr, von den unachtsamen schmalen, rötlichen Händen umgestoßen zu werden.
Nikolai, der älteste Sohn, ein großer Junge in der kleidsamen Gymnasiastenuniform, saß neben Marianne, mit der er sich ebenfalls besonders gut stand. An seinen freien Montagnachmittagen war er ihr Schüler, da trieben sie auf Wunsch des Vaters englische und französische Konversationsstudien, und bei diesen Gelegenheiten hatte er mit vielen grammatikalischen Fehlern Marianne mehr von seinen vierzehnjährigen Wünschen und Nöten anvertraut, als je auf gut russisch seinen eignen Eltern. Heute klagte er Marianne heimlich, mit ausdrucksvollen Andeutungen, sein Leid über diesen unerwarteten Damenbesuch; er wollte zu bestimmter Stunde einen Kameraden treffen, und nun konnte »die Geschichte schrecklich lange dauern hier bei Tisch«.
Seine beiden kleinen Brüder schauten hinter ihren breiten Milchtassen nur ganz verstohlen auf den fremden Gast in dem für einen simpeln Familienthee etwas zu prächtig geratenen Gesellschaftsanzug. Sie waren beide beängstigend artig, — so artig, wie, nach Mariannens in diesem Punkt ziemlich trüben Lebenserfahrungen, lebhafte Kinder nur dann sind, wenn sich bald darauf etwas Fürchterliches ereignet.
Aber diese Kleinen hier regierte auch bei Tisch der wachsame Blick ihrer Mutter mit unmerklicher Strenge. Der Jüngste, Mariannens Liebling, war schon zu Bett.
Ottilie verstand es musterhaft, in sich stets gleichbleibender Liebenswürdigkeit sowohl für die Unterhaltung wie für das Betragen der Kinder zu sorgen. Und während sie emsig ihrem Mann den Thee auf seine ganz spezielle Weise mit Fruchtgelee anrührte, blieb sie doch ganz Ohr und fiel bei jeder heitern Aeußerung ihres Gastes mit einem kleinen hellen, klingenden Lachen ein.
»Sie ist darin einfach bewunderungswürdig!« dachte Marianne aufrichtig, die inzwischen ganz still geworden war. Sie hatte genug damit zu thun, gegen ihre Abspannung anzukämpfen, von der sie an solchen Tagen, beim ersten Nachlassen von Pflicht oder Freude, überfallen werden konnte.