Hin und wieder verschwammen ihr die Worte der andern in einem eintönigen Gesumm. Sie wußte sich sogar ganz gut im stande — zu ihrer eignen Beschämung —, auf diesem bequemen Stuhl mitten unter ihnen allen recht tief und süß einzunicken, um dann zu einer gegebenen Zeit frisch und heiter zu erwachen, von neuem aller ihrer Kräfte Meister —.
Erschrocken bemühte sie sich, besser zuzuhören. Fräulein Clarissa schwärmte soeben von Oesterreich.
»Das ist ganz Wasser auf die Mühle meiner Frau!« sagte der Schwager. — »Die ist ganz versessen drauf, und nun gar Wien! — Hier ist nur das Diesseits, dort das schönere Jenseits: so etwa denkt sie sichs. Und die Praterfahrten, und die feschen Offiziere, — nicht wahr, Tilie?«
Er sprach mit gutmütigem Spott, Stockrusse, wie er durch und durch war, kaum je über die Landesgrenze gekommen, und vielleicht zu seiner eignen Verwunderung mit einer halben Nichtrussin verheiratet. Sein naiver Chauvinismus kam seiner Karriere als höherer Beamter sehr zu statten, war indessen intensiv ehrlich gemeint.
Ottilie erwiderte gar nichts. Doch hatten sich alle Züge ihres Gesichtes während seiner Worte verändert, strafften sich plötzlich, — es sah aus, wie wenn sie sich auf Eis legte. Die Theekanne zitterte leicht in ihrer Hand.
Nur Marianne bemerkte es. Ganz erstaunt sah sie die Schwester an. Ach so, — der fesche Offizier?! — Nein, das konnt es doch wohl nicht sein? Ein österreichisch-ungarischer schmucker Husar, Leichtfuß und nichtssagend, hatte Ottilie einst einen Heiratsantrag gemacht — in gänzlicher Verkennung der materiellen Verhältnisse. Eine belanglose Schwärmerei Ottiliens. Wie belanglos, das empfand Marianne damals doppelt deutlich gegenüber ihrem eignen Bündnis, das sie kurz zuvor eingegangen war.
Sie erinnerte sich noch ganz gut, wie heftig der zigeunerische Teint und die Husarentracht die Schwester bestachen. Und um wie viel älter sie sich selbst urplötzlich daneben vorkam. Um so viel älter wie erglühende inbrünstige Jugend neben den Gefühlswallungen der Backfischentwicklung.
Ottiliens Mann hatte die Bedeutung dieses ominösen Husaren offenbar rein vergessen. Ottilie hatte sie jedoch sonderbarerweise hinter ihrer ruhigen, liebenswürdigen Verschlossenheit ganz und gar nicht vergessen. Der Schwager schien nicht allzuviel Ahnung von den geheimen »Tiefen« in seiner Frau zu haben.
Nikolai rückte immer unruhiger auf seinem Stuhl herum und schielte nach der großen Wanduhr gegenüber. Er wagte aber nicht, aufzustehn. Der Blick seiner Mutter, der jetzt um eine Nuance schärfer und gereizter schien als vorher, mahnte ihn wiederholt daran, daß auch er einen, wenn auch nur bescheidenen Beitrag zur Unterhaltung zu liefern habe, weil es sich für seine Jahre schicke, die Umgangsformen zu üben.
Nikolai zermarterte sein Gehirn. Ihm kam eine entsetzliche Menge von Gedanken und Vorstellungen, aber sie waren alle so merkwürdig unpassend.