Schon war er nahe daran, bei Tante Marianne einen kleinen Gedanken zu borgen. Da fiel ihm grade noch etwas ein, und er sagte ganz verzweifelt, — viel zu laut mitten hinein ins Gespräch der übrigen: »In unsrer Schule ist ein Junge für immer abhanden gekommen.«
»Wie denn abhanden gekommen?« fragte Marianne befremdet.
»Ja so, ganz abhanden. Er war dort Pensionär, lief fort und hinterließ einen Zettel, daß er sich töten wolle. Niemand weiß, wo und was. Seine Eltern leben in Südrußland. Man hat ihn noch nicht aufgefunden.«
Ein kleiner Alarm entstand am Theetisch. Nikolai war ganz stolz. Alle redeten durcheinander.
»Mein Himmel, daß du das auch nicht gleich erzählt hast!« rief sein Vater.
Nikolai nahm sich das heimlich bereits für das nächste Mal vor, wenn wieder ein Junge abhanden kommen sollte. Er hatte gefürchtet, es sei im Hinblick auf einen Gast ein zu bescheidener Beitrag.
Ottilie seufzte. Sie sah streng und bitter aus.
»Das sind Zustände!« bemerkte sie empört. — »Ja, wenn schon die Kinder so anfangen! Dann ist es freilich nicht zu verwundern, wenn sie sich ohne alle Zucht und Sitte erst recht töten, nachdem man sie glücklich bis zum Erwachsensein durchgebracht hat. Was für ein Kind muß das gewesen sein, das so etwas Schändliches thut.«
»Und welch eine Behandlung, die so etwas ermöglicht!« setzte Marianne im stillen hinzu. Sie erschauerte. Konnte man sich wohl je genügend tief in eine Kinderseele hineindenken, die zu solchen Entschlüssen gelangt war? Vielleicht bezwungen vom Heimweh, — von irgend einer unverstandenen Angst, — Angst vor dem ganzen Leben selbst vielleicht, — wer weiß es denn?
Und ihr wurde das Herz ganz weit und groß, als müßte sichs über eine Welt ausdehnen und alle Kinder darin umfassen, — mit solcher Wärme und Inbrunst umfassen, daß keins davon ausgeschlossen bliebe.