Sie schwiegen beide.

Cita trat vom Fenster fort und fing an, langsam auf und ab zu gehn, wobei sie die Arme auf dem Rücken verschränkte und den Kopf ein wenig gesenkt hielt, wie ein grübelnder Feldherr.

Vor dem Schreibtisch ihrer Mutter, der, quergestellt, ein Drittel des Zimmers durchschnitt, blieb sie einige Augenblicke stehn.

Er war mit Büchern und Schulheften bedeckt; aus der Mitte all dieser Tagesarbeit erhob sich ein italienischer Olivenholzrahmen mit durchbrochen gearbeiteten verschließbaren Thüren. Dahinter verbarg sich des jung verstorbenen Gatten Bild.

An der einen Wand dahinter hingen mehrere Radierungen von seiner Hand, in schlichte dunkle Holzstreifen eingefaßt: sie stammten aus den Jahren seiner kurzen Ehe, aus der Zeit vollen Glückes und voller Künstlerhoffnungen, — unten in Italien verlebt.

An der andern Wand hinter dem Schreibtisch eine ganze Gruppe Familienporträts, darunter sehr alte, die mit sichtlicher Pietät hier zusammengestellt waren. Zwei davon blasse Pastellbildchen: der Großvater mütterlicherseits, Martin, mit mächtiger schwarzer Halsbinde und nach vorn gebürstetem grauem Haar, ein kluger, fast bedeutender Kopf. Daneben die reizende alte Großmutter, von der Cita und Sophie ein gut Teil Anmut als Erbe erhalten hatten.

»Für Ma wär es auch tausendmal besser gewesen, nicht hier stecken zu bleiben,« entfuhr es Cita.

Sie stand und betrachtete die Bilder. »Mit ihrer Begabung, ihren Talenten hätte sie etwas werden müssen. Aber freilich, hier in Rußland, wo sie einfach den reichen Kaufleuten die Rangen unterrichten muß —«

Sophie hatte die Augen geschlossen.

»Arme liebe Ma!« sagte sie leise, »du lieber Gott, die konnte eben nicht Juristerei studieren. Dabei wären wir zwei armen kleinen Würmer geschwind genug verhungert. — — Und hier in Rußland gab es doch wenigstens Lebensmöglichkeiten, und die guten Anknüpfungen von unserm Großvater-Gymnasialdirektor her, und schließlich doch auch Tante Ottilie — —. Aber schwer und schrecklich muß es gewesen sein —«