Sophie unterbrach sich, dann fügte sie in gequältem Ton hinzu: »Du und ich, wir sind undankbare Scheusale! Wir, mit unserm dummen Ehrgeiz — —«
Cita ging schon wieder mit verschränkten Armen auf und ab. Es entfuhr ihr ungeduldig: »Deine Logik ist einfach schauderhaft. Grade das Gegenteil muß daraus gefolgert werden: in uns beiden lebt ja doch Ma weiter, in uns muß sie also etwas über sich selbst hinaus erreichen. Das ist doch wahrhaftig die einzige rationelle Art von Kindesliebe.«
»Ach, ich weiß nicht, ob das Kindesliebe ist. — — Und ob Kindesliebe rationell zu sein hat,« murmelte Sophie.
Cita bemerkte seufzend: »Du redest wirklich oft wie ein ganz unentwickelter Mensch. Wenn ich nur nicht so gut wüßte, woher das kommt: es ist ganz einfach Bangigkeit, du wehrst dich gegen deine eigne bessere Erkenntnis. Die reinste Feigheit.«
»Das verbitt ich mir denn doch!« rief Sophie aufgebracht.
Der Schaukelstuhl flog. Sie fing an zu husten.
Die Schwester lenkte ein. »Verzeih. Beleidigen wollt ich dich nicht. Du hast recht: das darf man nicht. Fest zusammenstehn müssen wir Frauen vielmehr. Uns gegenseitig unsre besten Freunde sein. Ich schelte dich als dein Freund, Schwesterchen, — zu deinem Besten. Bin voll Sehnsucht und Ehrgeiz für dich, — — möchte dir helfen, — und nicht nur mit Worten. Nein, nein, bauen sollst du auf mich dürfen von Grund aus.«
Sophie schwieg. Sie hatte die Augen voll Thränen, und aus Furcht, in der Stimme Thränen zu verraten, blieb sie wieder die Antwort schuldig.
Cita drängte auch nicht in sie. Sie trat langsam an das breite Büchergestell aus kunstvoll zurecht getischlertem, braun angestrichenem Birkenholz, das in Mannshöhe die ganze Hinterwand einnahm, und zog irgend ein Buch heraus.
Schon war es längst nicht mehr hell genug im Zimmer, um zu lesen, doch nahm sie Band um Band und blätterte zerstreut darin.