Der Ton, in dem sie es wiederholte, wurde immer härter und kälter. Nach einer Pause fuhr sie fort: »Und wer könnte auch was dagegen thun, dagegen sagen? Schließlich ist es doch das Recht eines jeden Menschen — —. Auch Mas Recht also, — — jawohl, unsrer Ma auch, die bis jetzt so ganz ausschließlich uns gehörte, — ganz allein unsre Ma war, an die niemand sonst den geringsten Anspruch machen darf. Niemand, niemand —«

»Nein, niemand!« bestätigte Sophie gedehnt. »Niemand außer uns —«

»Es ist aber ihr gutes Recht! Vergiß nicht: ihr gutes Recht!« fiel Cita nachdrücklich ein. »Von uns ist es ganz unberechtigt, so zu sprechen. Ja, vollständig. Mama kann jeden Tag heiraten, wenn sie will, — und überhaupt thun und lassen, was sie will —«

Sie brach ab. Ihre Stimme vibrierte von verhaltener Erregung.

Sophie stand auf und küßte die Schwester flüchtig auf die Stirn.

»Gute Nacht. Schlaf lieber. Du bist einfach verrückt geworden. Ich glaube, du träumst schon!« erklärte sie. »Ebensogut könnte ich mir vorstellen, daß Ma überhaupt gar kein Mensch, sondern ein Walfisch ist.«

Mit diesem Bescheid kehrte sie ins Wohnzimmer zurück und setzte sich an den Schreibtisch vor die aufgeopferten Bücher. Oben drauf hatte sie das Mikroskop gestellt, das sie erst vorigen Weihnachten zum Geschenk erhalten hatte. Nun war es eine ganze Pyramide von Sachen.

Eigentlich wollte sie Ma hier erwarten. Es sollte keine Nacht drüber hingehn und sie wankend machen und auf andre Gedanken bringen —.

Seltsamerweise fiel ihr wieder Hugo Lanz ein. Ja, wer weiß: indem sie dem erwählten Beruf entsagte, entsagte sie vielleicht sogar einer jener allein glücklichen Eheschließungen, die Cita noch gelten ließ. — — Denn Hugo Lanz besaß kein Geld — —.

Also war es wirklich ein Totalverzicht. Ein Opfer der Kindesliebe, wie es nicht bald ein zweites gab.