Hatten sie die grüne Studierlampe brennen lassen? War doch noch eine von ihnen wach?

Sie glitt in die Tuchpantöffelchen und ging leise über den Gang zurück. Die Thür war nur angelehnt, sie stieß sie auf, um einzutreten.

Aber jählings hielt sie inne. Sie sah Sophie am Schreibtisch sitzen, die Arme auf den Büchern verschränkt, den Kopf mit den halb offen niederhängenden Flechten darauf, — fest schlummernd.

Sie sah die Bücher, das Mikroskop, — und das Gesicht sah sie, das ihr im Profil zugekehrt lag, hell bestrahlt vom Schein der Lampe.

Es war naß von Thränen. Die Mundwinkel wie im Weinen herabgezogen, die Augenbrauen so rührend im Ausdruck, so hilflos —. Ein so bekümmertes, schmerzliches, — ein fast gramvolles kleines Gesicht!

Ja, hier mußte Sophie auf die Mutter gewartet haben, aus irgend einem Grunde. Gewartet mitsamt allen ihren Büchern, die sie hier aufeinander getragen hatte. Vielleicht um etwas zu erbitten? Vielleicht um zu sagen: »Sieh doch, wie lieb mir das alles geworden ist, wie gern ich frei sein möchte und mich dem widmen!«

Vielleicht auch, um etwas abzubitten. Um zu sagen: »Nimm es alles fort von mir, ich gebe dirs zurück, denn es weckt in mir die Sehnsucht, von dir hinwegzugehn.«

Und nun war sie unter Thränen hier eingeschlafen, wie ein müdes Kind, und nur dies traurige, kleine Gesicht erzählte der Mutter von ihren Nöten —.

Marianne stand noch in der halboffnen Thür, den Kopf gegen den Thürrahmen zurückgelehnt. Ihre Hände hingen schlaff an ihr herunter.

Was half es, daß sie fortgewesen, daß sie getroster und freudiger heimgekehrt war. Zu Hause trat es ihr wieder entgegen, das Gefürchtete, — wie ein Gespenst.