Draußen ruhte frostige Winterdämmerung, obschon es noch früh am Nachmittag war. Der Wind machte es bitterlich kalt. Marianne durchquerte einen Teil des Kreml; in dampfenden Wölkchen stieg ihr Atem und gefror zu Tausenden winziger Eisperlchen an ihrem Pelzkragen fest.

Stumpf und leblos wölbte sich der dicke Schnee um alles ringsum, rundete jeden Umriß, verwischte jede scharfe Linie. Hier und da klang ein Glockenton an, — wie im Traum, — leise verhallend. Es war, als raune eine Glocke der andern schlaftrunken etwas zu.

An manchen Kirchenthüren auf dem großen Kremlplatz lagerten Pilger oder lehnten an den Mauern, auf ihren Pilgerstab gestützt. Marianne war nicht in der Stimmung, um irgend etwas von der Außenwelt mit Interesse aufzufassen, aber auf diesem Bilde blieb ihr Blick mit einer dunkeln, unverstandenen Sehnsucht ruhen; über den zerlumpten Pilgern, — über ihnen, die sich bis an die Thore der Gotteshäuser in vielleicht wochenlanger mühseliger Wanderung durchgefroren und durchgehungert hatten, lag eine solche kindliche Zufriedenheit. Man sah ihnen allen an, — Greisen, Weibern, jungen Menschen: sie standen am Ziel — da, wo sich alle Wünsche erfüllen, und man alle Bürden abwirft, — zu Hause —.

Gern hätte auch sie ihre Füße wund gelaufen, um Frieden zu finden und sich alles Schweren zu entlasten. Würde sie das erreichen, unter Tomasows klugen und guten Worten? würde sie es bei ihm erreichen? In diesem Augenblick glaubte sie es.

Bald war Marianne an seinem Haus angelangt. In einer ruhigen Straße stand es, einstöckig und unscheinbar, hinter einem hofartigen Vorgärtchen.

An den Vorflur stieß ein großes Schrankzimmer, wo der Diener, Andrian, sich aufzuhalten hatte, der, aus Tomasows Heimatsdorf gebürtig, ihm seit vielen Jahren anhing, und auch alle Reisen ins Ausland mitmachte. Dies Schrankzimmer erschien Marianne stets als der weitaus behaglichste Raum zwischen den konventionell eingerichteten Empfangsgemächern im Erdgeschoß. Vielleicht aus reiner Bequemlichkeit mochte Andrian hier alles zusammengehäuft haben, was seiner speziellen Pflege oblag: eine stattliche Reihe hoher Blattpflanzen, besonders mehrere prachtvolle Palmen, an denen er unermüdlich herumspritzte und putzte; daneben hing am Fenster ein Bauer mit einem singfrohen Kanarienvögelchen, Batjuschka »Väterchen« genannt, mit dem Andrian sich den ganzen Tag über alles, was geschah, unterhielt.

Marianne ertappte sich auf dem Gefühl, das manchen von Tomasows Patienten beschleichen mochte: lieber in diesem friedlichen Idyll von Palmenlaub und Vogelgezwitscher verweilen zu wollen, als sich weiter zu wagen in die Zimmer des Arztes.

Indessen noch hatte Andrian ihren Besuch nicht melden können, als bereits Tomasow selbst erschien, sichtlich beunruhigt über ihr unerwartetes Kommen. In Anwesenheit des Dieners that er keine Frage, sondern führte sie gleich durch seine Bibliothek in die Studierstube.

Marianne ließ sich in den ersten besten Sessel sinken, hilflos zu ihm aufschauend.

»— Sophie will fort!« sagte sie unvermittelt, wie man mit geschlossnen Augen blind losschießt.