Cita nahm ihr sorglich den leichten Grauwerkpelz ab und küßte sie.
»Ich danke dir, Kind. Gewiß habt ihr schon einen Wolfshunger, was? Ich lief, was ich konnte,« bemerkte die Mutter, indem sie sich die Fellüberschuhe von den Füßen streifte.
»So! Und nun bin ich wieder Mensch! Feierabend läutets, und die Arbeit ist gethan,« sagte sie froh, »— und für heute ganz gethan: am Abend brauche ich nicht mehr fortzugehn. Wir wollens aber auch herzhaft genießen, ihr Kinder.«
Wer ihre Stimme so aus dem noch unerleuchteten Vorflur vernahm, konnte dahinter leicht ein junges Geschöpf vermuten. Alle Ueberanstrengung, aller Mißbrauch dieser Stimme hatten nicht vermocht, ihr den eigentümlichen Schmelz zu nehmen. Den Gesichtszügen selbst sah man die vierzig Jahre eher an. Sogar schon einzelne graue Haare mischten sich an den Schläfen in das volle weiche Braun, das Cita in lichterer Schattierung besaß, und das sich auch bei der Mutter hier und da übermütig zu locken versuchte, soweit der schlichte Knoten tief im Nacken das zuließ.
Die Mutter erreichte ihre Aelteste nicht ganz an Größe, und ihre geschmeidige Gestalt hatte ehemals entschiedene Neigung zur Fülle gezeigt; jetzt jedoch vereitelte das anstrengende Tagewerk gründlich jeden Ansatz dazu. So blieb sie schlank, nahezu mager, und konnte dadurch auf Augenblicke fast mädchenhaft wirken.
Als die Mutter in ihrem Schlafgemach verschwunden war, um sich ein wenig menschlich herzurichten, wie sie es nannte, machte sich Cita dran, in der kleinen schmalen Eßstube neben dem Wohnzimmer den Tisch zu decken. Doch war sie noch voll Nachdenklichkeit, und es ging ihr langsam von der Hand.
Dies schmale Eßstübchen, nicht ohne Grund »der Spalt« geheißen, war bei der Wohnungseinrichtung an Möbeln zu kurz gekommen. Die Mutter hatte ein paar Bauerntruhen hineingestellt und rund um den Tisch einfache Sitzschemel von gleich ländlicher Abstammung. Dann erhandelte sie jedoch auf dem großen Trödelmarkt, den das Moskauer Volk in der Sonntagsfrühe abhält, noch hier und da ein Stück volkstümlichen Kunstgewerbes, wodurch der arme Spalt einen gewissen Glanz erhielt, — so durch ein Wandbort aus dunkelm in Spitzenmuster geschnitztem Holz mit grellen Malereien auf Goldgrund, und durch einen originellen Stuhl, dessen ganzes Hintergestell aus einem rotlackierten Krummholz hergestellt war, wie es die Pferde im russischen Gespann tragen.
Am einzigen Fenster, an dem der rote Stuhl stand und repräsentierte, hingen buntbestickte kleinrussische Tücher als Vorhänge nieder, und auch das grobleinene Tischtuch wies eine solche bunte Bauernstickerei an der Kante auf.
Als die Mutter wieder eintrat, trug sie statt des dunkeln knappen Straßenkleides einen bequemen Hausanzug von tiefrotem Flanell. Sie kam an den Tisch zur Tochter, und, ohne daß diese es bemerkte, schob sie jedes Gerät auf dem Tisch ein wenig anders und gefälliger zurecht.
Als sie aber dann einen Teller mit allerlei Obst hernahm, den Cita in die Mitte gestellt hatte, und sorgfältig begann, die Orangen und die blassen, länglichen Krimäpfel von ihren dünnen Papierhülsen zu befreien und sie in einer Krystallschale zu ordnen, da meinte die Tochter mit einem Lächeln: »So viel Mühe um das bißchen Aeußerlichkeit, Ma, müde, wie du doch bist. Schmecken nun etwa die Früchte besser?«