Es war ein stiller Tag, der nächste. Weil Erik nicht nach Hause kam. Wie ausgestorben schien das Haus, weil man seinen Schritt und seine Stimme darin nicht hörte.
Er würde wohl erst mit dem letzten Nachtzug heimkommen, meinte Bel. Nachts ließ er sie gewiß nicht gern auf dem Lande allein.
Jonas schlich übler Laune im Hause umher. Nach dem gestrigen Streit fühlte er einen heftigen Drang nach einer ausgiebigen Versöhnung nebst darauf folgendem unzertrennlichen Beisammensein. Aber dafür war Ruth heute nicht zu haben. Den Streit hatte sie rein vergessen. Und auf alle seine Vorschläge, etwas Gemeinsames zu unternehmen, entgegnete sie nur ihr wohlbekanntes stereotypes: »Ich muß nachdenken.«
Und Jonas wußte schon, daß sie dann für ihn so gut wie verloren war.
Ruth dachte immerfort, unablässig über ein und dasselbe nach. Sie folgte in Gedanken Erik in die Stadt, an den Eisenbahnzug, der ihm den Freund bringen mußte, und versuchte, sich in das Wiedersehen hineinzuversetzen.
Als Klare-Bel ihm am Morgen beim Weggehen zurief: »Adieu, Erik, amüsiere dich gut!« da hatte Ruth beinahe betroffen aufgeblickt. Es kam ihr vor, als habe Erik etwas so Ernstes und Herzbewegendes vor. Selbst sein Gesicht schien ihr seit gestern verändert. Unter allem, hinter allem, was er in gewohnter Weise sprach oder that, fühlte Ruth es heraus, wie eine ganze Welt von aufgestörten Erinnerungen unaufhörlich in ihm raunte und redete. Keine Erinnerungen aber, die amüsieren, — sondern solche, die gewaltsam zurückzerren in eine Vergangenheit, von der die Gegenwart verdunkelt wird.
Auf dem Garten lag heute freundlicher Sonnenschein. Klare-Bels Stuhl war auf die Terrasse geschoben worden; unten konnte sie nicht bleiben, weil Erik fehlte, um sie wieder heraufzutragen. Ein warmer Sommerduft stieg von draußen auf; Flieder und Goldregen waren am Verblühen, und auf den Beeten öffneten sich die roten Rosen. Baumwipfel und Büsche drängten sich jetzt so dicht ineinander, daß es fast schon zu viel Laub und Schatten ums Haus gab. Der Sommer barg es ganz in seinem warmen Dunkel, und von der Straße gesehen nahm sich der Garten jetzt aus wie ein großer grüner Farbenklecks.
Als der Abendthee auf der Terrasse getrunken wurde, fiel es Klare-Bel doch auf, daß Ruth wie geistesabwesend dabei saß.
»Es ist doch, als könnte sie es gar nicht mehr ertragen, daß Erik sich mit andern Menschen beschäftigt als mit ihr; am liebsten würde sie ihm keine Zerstreuung mehr gönnen, diese arge kleine Egoistin,« dachte sie und fragte laut: »Aber, Kind, fehlt dir etwas? was machst du nur für wunderliche Augen? Ich glaube gar, am liebsten wärst du mit Erik dort?«
Ruth fing mit feinem Ohr den nicht ganz liebreichen Ton auf und sah sie schüchtern an.