»Ich versuche es, dort zu sein!« sagte sie zum unaussprechlichen Erstaunen Klare-Bels.

Diese zog sich nach dem Abendthee bald in ihr kleines Gemach zurück, um sich zeitig zur Ruhe zu begeben, denn sie fühlte sich ein wenig leidend. Vielleicht griff die neue Behandlung sie an, die Erik seit kurzer Zeit mit ihr vornahm, und die er ihr auf viele Monate hinaus in Aussicht gestellt hatte. Er fing wirklich schon an, wieder neue Hoffnung zu schöpfen.

Gonne entfernte sich, nachdem sie ihre Frau sorgsam gebettet, und Klare-Bel lag in ihrem stillen Zimmer allein, umgeben von all den zierlichen und saubern Sächelchen, die sie bei sich aufzustellen liebte.

Sie lag und lächelte über sich selbst. War es nicht seit kurzem, als ob auch sie, ganz leise — leise, heimlich, die neue Hoffnung hätschele? Ein klein wenig nur. Die Hoffnung, doch noch einmal wieder gesund zu werden, Erik entgegengehen zu können auf ihren zwei gesunden Füßen.

Es war ja gewiß nichts damit. Ein bloßer Wahn. Aber wenn er trog, dann würde Erik sie schon darüber hinwegtragen, wie über die vielen, vielen frühern Enttäuschungen auch. Denn das hatte er gethan, — nicht gerade mit übermäßigem Bemitleiden und Schonen, aber mit seiner unaufhörlichen Gegenwart, mit seiner beständigen energischen Einwirkung auf sie. Und manchmal, da überkam sie ganz deutlich das Gefühl: es war gut so, denn er brauchte das; nur in diesem Bemühen überwand er seine eigenen Enttäuschungen. Seine starke Beeinflussung andrer schien es zu sein, durch die er immer wieder selbst zur alten Sicherheit zurückkehrte. So oft konnte sie es mit Verwunderung beobachten im täglichen Leben unter den Menschen seiner frühern Umgebung, wie belebend es auf ihn wirkte, daß sie von ihm Kraft und Belebung erwarteten. Das Alleinsein vertrug Erik wirklich schlecht.

Die Zeit rückte vor, und immer noch lag Klare-Bel wach und träumte mit offenen Augen. Durch das geöffnete Fenster strich weich und feucht die Luft, ganze Schwärme von kleinen Mücken mit sich tragend; von fernher verklang leise das Lied der letzten Landarbeiter, die von nächtlicher Arbeit heimkehrten. Mit hellen Sonnenaugen schaute die Nacht ins Zimmer herein.

Klare-Bel kamen ketzerische und sogar übermütige Gedanken, so daß sie über sich selbst erstaunen mußte. »Wer ist nun stark,« dachte sie, »wenn der Starke wieder der Schwachen bedarf?« Sie war sicherlich ein schwaches Wesen, froh, wenn Erik sie bei der Hand nehmen und führen wollte. Er aber, brauchte er denn nicht jemand um sich, den er führen konnte, um selber froh und des Weges sicher zu bleiben? Brauchte Erik also nicht sie, wie sie ihn?

Klare-Bel lächelte in der Einsamkeit der hellen Nacht, und inbrünstig streckte ihre Sehnsucht sich ihm entgegen. —

Wie sie es vorausgesehen, befand sich Erik erst Stunden später auf dem Heimweg. Er hatte mit vielen andern dem Freunde das Geleit bis zum Moskauer Bahnhof gegeben, und dann blieb man noch eine Weile zusammen, — ein ganzer Haufen von Menschen, von Fremden und Bekannten, mit denen der Abend in angeregter Geselligkeit verbracht wurde. Erik ließ sich nicht mehr die Zeit, zu Hause vorzufahren, um sich umzukleiden; er erreichte eben noch den letzten Nachtzug und fuhr aufs Land hinaus.

Der lange Gang von der Station aus that ihm nach den verflossenen Stunden und Eindrücken wohl; die freie Nachtluft erfrischte ihn. Kein Lufthauch bewegte sich; am fast taglichten Himmel stand blaß und glanzlos der Vollmond; einzelne Wolken ballten sich aufeinander, und von Zeit zu Zeit sprühte ein feiner Regen nieder.