Um so frischer und heller sah Ruth aus. »Wie angesteckt von der Morgensonne,« dachte Erik, während sein Seitenblick sie streifte. Dabei konnte er ihr ansehen, wie sie nur mit Mühe einen Witz darüber unterdrückte, daß er verschlafen habe. Sie hatte nicht verschlafen. Sie hatte den ganzen Frühmorgen im Garten umhergetollt.
Mit der gemeinsamen Arbeit wurde es heute nun nichts. Hastiger als sonst stand Erik auf, um zu gehen. Die Zeit drängte, und Jonas war schon fort.
Erik konnte es kaum erwarten, daß das Haus weit hinter ihm lag, und er wieder mit sich selbst allein blieb. Aber dennoch war ihm weder zum Träumen noch zum Grübeln zu Mute. Nur nach einem verlangte es ihn dringend und ungeduldig, als hinge das Leben davon ab: voll und klar ins Auge zu fassen, was seit wenigen Stunden wie sein Schicksal vor ihm stand. Nur nach einem verlangte ihn: davor stillzustehen und den Blick darauf ruhen zu lassen, fest und forschend, wie auf einem fremden Antlitz.
Darüber entschwand alles andre, was ihn hätte beschäftigen und beunruhigen können, völlig aus seinem Gesichtsfeld. An allem, was bisher sein Schicksal ausgemacht und zwingend sein Leben bestimmt hatte, an allen innern und äußern Verhältnissen, in denen er lebte, sah er vorbei, — ganz gerade, ganz unverwandt auf den einen Punkt, ohne nach rechts oder links zu schauen. Für etwas andres blieb kein Blick, kein Raum, es blieb nur eine dunkle, trotzige Nebenempfindung: über Hindernisse, und wären es Menschen, geht's hinweg. —
Ehe Erik sich mit Klare-Bel verlobte, hatte sie ihm einmal eine Photographie geschenkt, auf der sie sich im Kreise ihrer ganzen Familie befand. Er steckte das Bild in einen Rahmen und legte zwischen Rahmen und Glas ein Blatt Papier, in das er eine nur Bels Gestalt entsprechende Oeffnung ausgeschnitten hatte: so war er mit ihr allein. Ihre Sippe deckte er zu, weil sie ihm nicht gefiel.
Erik war es sich nur halb bewußt, daß er es jetzt ebenso machte: mit feiner eigenen Familie, mit den Menschen und Pflichten seiner täglichen Umgebung, ja, mit der gesamten Welt, die er in seinen Gedanken weglöschte, bis nichts übrig blieb als eine unermeßliche leere Weite, eine Welteinsamkeit, in der nur Ruths Bild vor ihm stand.
Sie und er, allein miteinander, und Auge in Auge.
Aber je länger er auf sie hinschaute, desto stiller wurde sein Blick. Was alle Hindernisse und Schranken in ihm wie außer ihm nicht an sein Bewußtsein heranbringen konnten, das ging von dem fröhlichen Kinderbilde selbst aus. Alles harte und leidenschaftliche Fordern in ihm wurde still.
Was liebte er denn an ihr, wenn nicht eben dieses Kindhafte, in dem noch, geheimnisvoll und verheißungsvoll, die ganze Fülle der Möglichkeiten ruhte, — dieses Keimende, Werdende, Zukünftige, das noch auf lange hinaus der schützenden Hülle bedurfte, — den zarten, kostbaren Stoff, nach dem seine Hand sich nur herrisch ausgestreckt, weil sie allein ihm die edelste Form geben wollte?
Ihm fiel das Gleichnis vom Gärtner und seinem Bäumchen ein, das er Ruth einmal erzählt hatte. Es enthielt eine Wahrheit, es enthielt seine Liebe. Unsäglich liebte er in ihr seine Gärtnerkunst und seine Gärtnerhoffnungen.