Je länger Erik sich aber so in das ihm vorschwebende Bild vertiefte, um so weniger klärte sich ihm sein eigenes Gefühl. Er sprach zu sich selbst nur noch mit geringer Ehrlichkeit. Unwiderstehlich erhob sich aus dem leidenschaftlichen Begehren der Hang zu idealisieren. Allmählich büßten in seiner Phantasie er wie Ruth viel von ihrer Wirklichkeitsfarbe ein, und immer höher ging der Schwung der Gedanken.

Während Erik glaubte, es sei der Erzieher und Menschengestalter in ihm, der in reiner Hingebung an einem Frauenbildnis meißele und dichte, damit es einst Wirklichkeit werde, schwelgte und berauschte sich der Liebende an Ruths unähnlichem Idealporträt. —

Ruth hatte inzwischen den Vormittag in einer Weise verbracht, die diesen hochfliegenden Vorstellungen nur wenig entsprach.

Anfangs überlegte sie ein Weilchen, ob sie die Absicht hege, ganz für sich allein fleißig zu sein. Nein, die hegte sie entschieden nicht. Am besten hätte es ihr gepaßt, jetzt Jonas da zu haben, aber der saß in der Schule und lernte, der Aermste. So entschloß sie sich denn, zu Gonne in die Küche hinunterzugehen. Denn lieber noch wollte sie mit den Händen thätig sein als mit den Gedanken, meinte sie, und irgendwie lebhaft sich bethätigen mußte sie durchaus. War ihr doch froh, so vogelfroh, so gar nicht zum Stillsitzen und zum »Nachdenken«. Und dann war es auch ganz unterhaltend, mit Gonnes Eimern am Brunnen zu plantschen.

Gonne litt es glücklicherweise gut, wenn Ruth ihr so unerbeten mitten in die Arbeit sprang. Da sie nichts von der hierzulande üblichen Devotion besaß, so betrachtete sie es als eine Auszeichnung für Ruth, daß sie sich deren Hilfe gefallen ließ. Und Ruth nahm es auch nicht anders, und zum entsprechenden Dank sang sie ihr mit ihrer weichen ungeschulten Stimme russische Volkslieder zur Arbeit, und Gonne hörte tiefernst zu.

Erik fand bei seiner Heimkehr Ruth mit aufgeschürztem Rock und zurückgestreiften Aermeln singend und seelenvergnügt am Brunnen. Bei diesem unerwarteten Anblick zerflatterte plötzlich das meiste von dem, was er sich zusammengesonnen und zurechtgelegt hatte; die verklärte Gestalt seiner Phantasie, um derentwillen er die wirkliche Ruth am tiefsten zu lieben glaubte, war wie versunken. Eine stürmische Zärtlichkeit erfüllte ihn, ein heißes Verlangen, sie an sich zu ziehen, die schlanken wasserübersprühten Arme unter seiner Hand zu fühlen, die lachenden Lippen zu küssen und das stets verwirrte Haar und den feinen von der Sonne schwach gebräunten Hals.

Im Begriff an der Terrasse vorüber zum Brunnen zu gehen, machte Erik plötzlich Halt, kehrte um und ging in sein Zimmer.

Dort, auf dem Schreibtisch, lagen noch, unordentlich, Ruths Hefte und Bücher umher, die heute morgen umsonst auf ihn gewartet hatten. Erik setzte sich davor nieder und beugte den Kopf auf seine Hände. Das Blut hämmerte ihm in den Schläfen, und er drückte die Zähne gegeneinander. — — —

Mußte Ruth fort?

Er zwang sich, den Gedanken zu Ende zu denken. Ihn überschlich eine Ermattung, eine bleischwere Müdigkeit, die alles klare Denken umschleierte.