Halb mechanisch blickte er über die Hefte hin, die aufgeschlagen dalagen; ohne zu lesen, folgte er den einzelnen Buchstaben, als enthielten sie eine erlösende Antwort. Es war eine rasche, in den Grundstrichen harte Schrift, deren Züge alle fest zusammenhingen. Noch keine ausgeschriebenen Rundungen, aber auch kein überflüssiger Schnörkel.

Ihm fiel wie von ungefähr auf: in Ruths Handschrift lag im Grunde eine fremde Ruth. Nichts von ihrer Phantasie, — ihrem Ueberströmen. Etwas merkwürdig Logisches.

Seine Blicke und Gedanken blieben darauf haften.

Lag nicht vielleicht auch in ihr selbst noch eine ihm fremde Ruth? Die noch nicht erwacht war, die er noch nicht kannte?

Da lachten ihre Augen durch das Fenster. Ruths Kopf erschien zwischen den krausen Ranken und Blättern des wilden Hopfens, der am Fensterkreuz emporkletterte.

»Soll ich arbeiten?« fragte sie.

»Nein. Wir wollen auch Ferien machen. Wenigstens für heute,« sagte er und stand auf, »weißt du, was es für eine Ueberraschung gab, — in der letzten Stunde vor den Ferien, in der Mädchenschule? Sie erhoben sich alle und trugen feierlich eine Bitte vor. Was es war, ließ sich nicht leicht herausbringen. Sie wußten es selbst nicht genau. Sie wollten dasselbe, was du gewollt hast, sagten sie. Sie wüßten es nur nicht zu bewerkstelligen.«

Von Ruth kam nur ein Gelächter. Er hatte es schon in der Schule um sich zu hören geglaubt. Ganz deutlich empfand er aus dem unerwarteten »Massenerfolg« den übermütigen Einfluß einer einzelnen heraus. Aber gerade dies hatte ihn heute aus seiner zerstreuten Gleichgültigkeit gerissen, ihn mit Wärme und Freude erfüllt. Aus dem Bilde der ganzen Klasse, aus der Gesamtphysiognomie all dieser braunen und blonden Mädchenköpfe, schaute ihm, wie aus einem Vexierspiegel, Ruths Gesicht entgegen: mit einem Schalkslächeln um den Mund, aber auch mit unbegrenzter Hingebung in den Augen. Ganz so, wie sie jetzt eben zwischen den Hopfenranken dastand.

»Aber nun wird Ernst damit gemacht,« bemerkte er und lehnte sich ans Fenster; »im Herbst, wenn alle wieder zusammenkommen. Vielleicht in Form von allgemeinen Kursen bei mir zu Hause. Vielleicht bei Beteiligung Erwachsener. Ich weiß noch nicht, wie.«

Sie sah ihn voll Interesse an.