Sie sah ihn an mit ihrem offenen naiven Kinderblick. Nie noch, meinte er, eine solche Unschuld und Treuherzigkeit in einem Menschenblick gesehen zu haben.

»So lieb wie Sie,« sagte Ruth.

Erik machte eine kurze Bewegung und, niederblickend, schob er die Hopfenranken zur Seite, die sich überall festnestelten und anklebten. Die linke Hand, die in der Seitentasche seiner Joppe lag, ballte sich zur Faust.

Ruth betrachtete ihn unverwandt, aber sie verstand nicht den Ausdruck, der über sein Gesicht ging.

Da, wie Erik, fast furchtsam, aufschaute und die fragenden Augen vor sich sah, durchzitterte es ihn. Ihm kam es vor, wie wenn dieser eine Blick und Augenblick über ihn entscheide.

Er beugte sich etwas vor, ergriff Ruths Hände und bedeckte damit seine Augen.

»Weißt du, Mädel,« sagte er halblaut, »wenn du groß bist, — denn jetzt bist du doch nur erst ein kleines Mädel, — aber wenn du längst eigene und reife Vorstellungen gewonnen hast über alle diese Dinge, und viele andre noch, — dann — dann sollst du noch einmal zu mir kommen und mir sagen können: daß du mich lieb behalten hast. Und daß du von mir — von mir dein Bestes hast. Dein Eigenleben und deine Entwickelung. Deinen Glauben an deinen Selbstwert und den Glauben an den Wert der Menschen. Wer du dann bist, Ruth, das wissen wir beide nicht; wer ich dann bin, das weiß ich ja wohl: ein alter Mann. Aber ein alter Mann, der dafür gelebt hat, daß du, Mädel, ihm bleiben darfst, was du ihm heute bist: sein Stolz, sein Werk, sein Kind und seine höchste Hoffnung.«

Und er ließ ihre Hände los und verließ das Zimmer.

Ruth stand noch draußen am Fenster. Sie hatte die Arme aufgestützt und blickte ihm regungslos mit ernstem Gesichte nach.

An einem der nächsten Tage, um die Mittagsstunde, füllte eine bunte Menschenmenge den großen Mädchenschulsaal. Eltern und Angehörige der Kinder, eine Flut von Neugierigen aus den obern Gesellschaftsschichten und viele, die Erik reden hören wollten, von dem die Mädchen zu Hause so viel erzählten.