Er stand auf der Tribüne im Hintergrunde des Saales und sprach zu ihnen und ihren Kindern; er erwähnte den Vorschlag, den seine Klasse ihm gemacht, die Gemeinsamkeit des Lebens und Arbeitens über die Schule hinaus zu erstrecken, und knüpfte daran seinen Lieblingsgedanken von der Notwendigkeit einer reichern Weiterentwickelung für die Frau, als die Gegenwart sie ihr außerhalb der Schuljahre gewähre. Ueber die Möglichkeit, eine lebensvollere, geisteskräftigere Zukunft heraufzuführen, sprach er ihnen, und über die Zukunft der Frau, die, erst geahnt und nur halbenthüllt, noch vor ihr liege, von der sie aber Besitz ergreifen könne in allem, was ihr Wesen der innern Entfaltung und Vollendung näher bringe.

Und während er sprach, dachte er an Ruth, der er nicht erlaubt hatte, mitzukommen; denn im Grunde war sie es ja, von der er redete, zu der er redete. Sie war es ja, die in ihm die Lust wiedererweckt hatte, zu den Menschen zu reden, und die Menschen für ihn suchte, wie man für einen Armen Brot sucht, damit er seinen Hunger stille. Und was er seinen Menschen gab, entnahm er ihr: denn das Höchste, was er von ihr erhoffte, das Schönste, was er sich in ihr träumte, legte er seinem Zukunftsbild unter, und dann erhob und verklärte er es zu allgemeinen Formen.

Es war, wie wenn er eine überlebensgroße Gestalt vor den gebannten Menschenaugen aufrichtete, in der durch diese Größe die individuellen Züge unerkennbar wurden. Zu groß sicherlich, für das wirkliche Leben, aber von einer Fülle und Wärme der Farben, die unwillkürlich mit fortriß und sich dem weiblichen Teil unter den Zuhörern gewaltig einprägte.

So stand Erik und hielt eine Art von Selbstverteidigung seiner Liebe, und die tiefe Bewegung, die in ihm war, verlieh einem jeden seiner Worte eine eigentümliche Wucht.

Unter der Menge im Zuschauerraum befand sich auch Warwara, wie sie es ihm vorhergesagt. Sie blickte voll Interesse auf ihn. Ihr schien, als sähe sie vor ihren Augen entfesselt und entfaltet, was sie, mit ihrem feinen Instinkt, immer schon dunkel und undeutlich geahnt, wenn sie mit Erik zusammen gewesen: daß er Gewalt über Menschenleben besaß, und daß er in Hunger und Sehnsucht nach ihnen lebte. Es war also das, was sie zu gleicher Zeit so seltsam an ihm anzog und von ihm abstieß, — das, was sie koketter erscheinen ließ, als sie war. Ihr fiel die Scene in seiner Stadtwohnung ein. Ja, ein Heiliger war Erik wohl sicher nicht. Aber selbst damals hatte sie mit Schrecken empfunden, wie suchend und sehnend und ungeduldig er aus das Innerste ging. Auf das, worin sie ihn enttäuscht hätte. Und das ließ ihre Eitelkeit nicht zu.

Als sie damals aus seiner Stadtwohnung nach Hause fuhr, hatte sich ihr fortwährend ein ganz abscheulicher Vergleich aufgedrängt. Sie konnte denselben nicht verscheuchen. Immer sah sie ein Weib vor sich, das falsche Brüste angelegt hat und sich deshalb vor der Berührung des Mannes, den ihre Gestalt fesselt, hüten muß. Hatte ihre Koketterie nicht ganz ähnliche Gründe? Sie fürchtete die geistige und seelische Entblößung. Und die Arbeit an sich selbst.

Es war aber wirklich ein abscheulicher Vergleich. Und zum größten Erstaunen ihrer Nachbarin errötete Warwara mitten im Vortrag.

Nach dem Schluß desselben, im Treppenhause, wo Warwara beiseite trat, um nicht in die hinausdrängende Menge zu geraten, bemerkte Erik sie und kam auf sie zu. Seine Augen leuchteten so. Warwara war blaß.

»Nun?« fragte er lächelnd und ganz in seinem alten, leichten Ton ihr gegenüber, »fand der ›Toast‹ Gnade vor ihren Augen? Vielleicht war es wirklich einer.«

»Wenn es einer war, so könnte ich wohl auf die eifersüchtig — nein, aber neidisch sein, deren Wohl Sie da ausgebracht haben,« versetzte sie, ebenfalls in ihrem gewöhnlichen Scherzton, aber ihr Gesicht blieb ernst; »unser Wohl ist's nicht. Ich begreife jetzt, daß Sie anderswohin gehören wollen, als unter uns Gesellschaftsgelichter.«