»Erlauben?« Bernhard Römer lachte herzlich und setzte sich zu ihr. »Meine liebe gnädige Frau, ich will es Ihnen nur gestehen: ich habe gar nichts zu erlauben. Wissen Sie warum? Ich bewundere nämlich ein wenig meine unartige Frau. Bei uns zu Hause hat sie auch so etwas wie Suppenanstalten eingerichtet. Natürlich nur sehr im kleinen, — sagen wir lieber: im winzigen. — Aber nun will ich dir etwas sagen, mein lieber Erik: wir haben einst so im größten, im allergrößten, herrliche Pläne gemacht von Vervollkommnung des Lebens und der Menschen, — aber meine Frau, die führt sie im kleinwinzigen aus. Nur sie. Das ist die Art, wie sie sich meine Pläne zu Herzen genommen hat, nachdem ich wohlbestallter und — wohlbeengter Professor geworden bin. Daß sie nur so wenig kann, hält sie von nichts zurück. Das Leben ist Frauenhand und Frauenarbeit — mutige. Wir sind Stümper dagegen.«

»Deine Frau ist sehr außergewöhnlich,« bemerkte Erik, »ich bin froh, sie kennen gelernt zu haben. Aber entbehrst du sie denn nicht jetzt zu sehr im Hause? Wie lange bleibt sie noch fort?«

»Bis zu den Ferien. Den deutschen Universitätsferien. Entbehren? Ja, — doch in der Arbeitszeit, da behelfe ich mich schon mit der Wirtschafterin und schlecht bereitetem Kaffee. Denke mir halt dabei: 's ist Arbeitzeit, Wochentag. Aber in den Ferien, — meinen Ferien, — da muß ich Sonntag haben. Da muß ich — muß ich meine Frau um mich haben.«

Klare-Bel sah ihn erfreut an. Sie freute sich über seine herzlichen Worte. Freute sich, ihn wiederzusehen. Kaum konnte sie's glauben, daß er selbst es war: der bartlose Jüngling mit dem braunen Lockenkopf, — sanfter als Erik, stiller, ein schwärmerischer Utopist mit einem kleinen Stich ins Phlegma und in den deutschen Michel.

Und während Erik ins Haus ging, vertieften sie sich von neuem in die alten Erinnerungen, wie sie es schon heute morgen miteinander gethan. Und beide wurden warm beim Heraufbeschwören der Jugend und empfanden beide mit uneingestandener Wehmut, daß die Jugend Vergangenheit war.

Erik störte sie nicht. Er stand in seinem Zimmer. In erregter Stimmung.

Ruth mit Römer, — nicht mit ihm: er konnte das Bild nicht loswerden.

Des Freundes Leben daheim stand ihm klar vor Augen. Ein seltenes Heim, — das seltenste: eine vollglückliche Ehe. Neben dem Mann die gleichaltrige Frau, in der, wie ein Stückchen seiner Jugend, das nicht sterben wollte, die Frische weiterlebte, die ihn vor dem Vertrocknen in Professorenweisheit und zufriedener Sattheit bewahrte. Daher seine ewigfrische Liebe zu ihr, daher für alles, was sie plante, das offene Herz und die offene Hand.

Dort würde Ruth haben, was ihr not that: in körperlicher, geistiger, praktischer Beziehung. Und indem sie ihn verlor, eine mütterliche Freundin gewinnen, der er sie blind anvertrauen konnte.

Irgend etwas raunte Erik zu: »Gib sie hin. Dort wäre die selbstlosere Liebe. Schütze sie vor dir selbst.«