Inzwischen befand sich Erik in der Stadt bei Ruths Verwandten. Ganz gegen seine Vermutung fand er auch die Tante vor, die soeben von Wiesbaden zurückgekehrt war, um, nach kurzem Aufenthalt, zu den Ihrigen nach Livland zu reisen, wohin ihr Mann sie begleiten sollte.
»Vor Anbruch des Winters kommen wir von dort nicht mehr heim,« sagte der Onkel zu Erik, den er auf das herzlichste wieder begrüßt und erst nach längeren, zwanglosem Gespräch zu zweien in das Empfangszimmer zu seiner Frau geführt hatte. »Aber alles, was Sie mir da erzählt haben, eilt ja auch nicht von heute auf morgen, denke ich mir. Wenn Sie Ihre Absicht ausführen, Ruth ins Ausland zu senden, so ließe sich dabei der Zeitpunkt unsrer Rückkehr ein wenig mit berücksichtigen, nicht wahr?«
»Nein!« entgegnete Erik, »das, was ich von Ihnen erbitten wollte, war eben dies: mir auch hierin vollständig freie Hand zu lassen. Und für Ruth an dem Reiseanschluß festzuhalten, den ich im Auge habe. Auch wenn das ihre Abreise unberechenbar beeilen sollte. Ich weiß, daß ich Ihnen damit viel zumute. Aber wenn Sie Vertrauen zu mir haben, dann lassen Sie mich noch einmal über Ruth entscheiden, so unbedingt wie damals, als ich sie Ihnen fortnahm.«
»Ich weiß keinen Menschen aus der weiten Welt, zu dem ich mehr Vertrauen fassen könnte, als zu Ihnen,« versetzte Ruths Onkel, dem bei Eriks sonderbar bestimmtem Ton die Gemütlichkeit schwand, »und was Ruth betrifft, so habe ich von allem Anfang an das Gefühl gehabt, als ob selbst so nahe Verwandte wie wir, Ihnen ein Recht auf die Kleine abtreten müßten. Wenn Sie also so fest glauben, daß es gut an ihr gehandelt ist, handeln Sie so! Ich meinerseits will, — wenn ich sie nicht wiedersehe, — ich will Weihnachten einen kurzen Urlaub nehmen und unsre kleine Studentin in Heidelberg besuchen.«
»Aber ich bitte dich! nenne es doch wenigstens nicht gleich beim ärgsten Namen!« fiel die Tante ein, der die Nachgiebigkeit ihres Mannes unverantwortlich vorkam. »Ruth soll doch nicht wirklich studieren? Ich meine, mit einem Studentenplaid und kurzen Haaren, wie es hier geschieht? Bei uns in den Ostseeprovinzen wäre so etwas rein undenkbar.«
»Einstweilen soll sie lernen,« antwortete Erik etwas ablehnend, »das Weitere wollen wir ruhig ihr selbst und der Zeit überlassen.«
Sie sah ihn prüfend und mißbilligend an. Wie konnte man so etwas der »Zeit« überlassen? Hätte er noch gesagt »der Vorsehung«. Wenn er für das Frauenstudium eintrat, dann war er auch ganz sicherlich ein Atheist. Und solchen Leuten war doch wohl alles zuzutrauen.
»Ich sehe mit Verwunderung, daß mein Mann sehr sorglos darüber denkt,« bemerkte sie, als Erik schon aufstand, um sich zu verabschieden, »aber um so mehr muß ich ein Wort hinzufügen. Du sprichst so ruhig von Recht abtreten, Louis! Aber ein Recht kannst du doch nie und nimmer abtreten. Ich meine das Recht der moralischen Verantwortlichkeit. Das mag ja eine altmodische Ansicht sein. Aber ich möchte doch wissen, wie Herr Matthieux darüber denkt.«
Erik sah ihr ernst und ruhig in die kampflustig auf ihn gerichteten Augen. Zum erstenmal gefiel sie ihm. Eben die Kampflust gefiel ihm. Obwohl der Onkel Ruth lieb hatte, war sie doch ein besserer Wächter als er.
»Wenn ich Sie recht verstehe,« sagte er, »so fürchten Sie, daß ich mit meinem Recht an Ruth nicht zugleich auch alle Pflichten ihr gegenüber übernehmen würde. Wenn es etwas gibt, was Sie von dieser Furcht befreien kann, so nennen Sie es nur.«