Der Onkel sah fast verlegen aus, aber sie beachtete es nicht.
»Ich antworte Ihnen als gläubige Frau,« entgegnete sie, die stolz war auf baltische Ueberzeugungstreue, »mir bedeutet moralische Verantwortlichkeit: schuld sein wollen an einem Menschen, — schuld an dem, was an seinem innern Menschen geschieht. Nicht zulassen, daß er Schaden daran nimmt. Wie sollte man das ohne Gott, ohne religiösen Glauben auf sich nehmen können? Wenn Sie nun Ruth fortgeben, — können Sie eine solche Pflicht in diesem Sinne übernehmen?«
Ueber Eriks Züge ging ein Ausdruck, den sie nicht zu deuten wußte, der sie aber wider ihren Willen ergriff.
»Nun verstehen wir uns,« sagte er mit unterdrückter Bewegung, »denn eben das soll mein Recht sein: ich will schuld sein an diesem Kinde!«
Sie fand, es klang arroganter als je. Es war nichts, das ihre religiösen Bedenken beruhigen konnte. Aber ihr war dennoch, als habe er »Gott« gesagt. —
Erik ging dem Bahnhof zu. Fast kein Mensch außer ihm in den leeren Straßen; auch die letzten, die den Sommer in der heißen, ungesunden Sumpfluft der Stadt zubringen mußten, entrannen ihr am Sonntag. Nur hier und da taumelte ein Betrunkener aus der offenstehenden Thür einer Kellerschenke, oder rasselte eine vereinzelte Droschke holpernd über das schadhafte Holzpflaster, das stellenweise noch weit aufgerissen dalag und darauf wartete, daß seine alljährlichen Löcher in schöner Mosaikarbeit zugestopft würden.
Verlorene Glockenklänge, die letzten von einer der zahllosen Kirchen, zitterten über die ausgestorbenen Straßen hin, wie Grabgeläute über einer Totenstadt.
Erik ging langsam, müden Schrittes heimwärts.
»Nicht zulassen, daß sie Schaden nimmt,« wiederholte er die eben gehörten Worte. Ja, genau das wollte er doch. Noch war die Umpflanzung in einen neuen Boden möglich, wenn er seinen kleinen Baum behutsam, mit allen feinsten Würzelchen, dort eingrub. Nur so konnte er jetzt seine Gärtnerdienste an ihm thun, damit derselbe nicht Schaden nehme an seiner Entwickelung, die noch in hart und fest geschlossenen Knospen vor sich ging, — undurchsichtig von allen Seiten.
Denn manchmal, da wachte etwas Gewaltthätiges in ihm auf, — im pflegenden Gärtner die verbrecherische Ungeduld des Knaben, der sich am Frühling vergreift und die Knospen zerstören möchte, um zu sehen, ob eine rote oder eine weiße Blüte in ihnen schläft.