»Geh voraus!« gebot Erik dem Knaben, »ohne Lärm. Halte mir die Thüren offen. Ich muß Ruth auf ihr Bett tragen.«
Jonas blieb jegliche Frage in der Kehle stecken; er rannte voraus, nicht ohne sich fortwährend nach dem Vater umzuschauen, und ins Haus hinein. Dort lief er, ohne die Mutter oder Gonne zu alarmieren, die Holztreppe zu Ruths Giebelstube hinauf. Als Erik mit Ruth in den Armen oben ankam, stand Jonas wartend an der weitgeöffneten Thür, durch welche man das schmale weiße Bett mit den zurückgeschlagenen Decken sehen konnte.
Jonas blickte dem Vater ängstlich bittend ins Gesicht; er wäre so gern mit hineingegangen, um bei Ruth zu bleiben. Aber Erik ging schweigend an ihm vorbei und zog die Thür hinter sich zu.
Dieser Augenblick prägte sich ihm mit merkwürdiger Gewalt ein: wie der Vater, Ruth an der Brust, so stumm an ihm vorüberschritt, während er zurückbleiben mußte.
Im Blick und Ausdruck des Vaters empfand er etwas Außerordentliches, einen starren, wortlosen Ernst, — so, wie wenn Ruth schon so gut wie tot sei.
Jonas überlief es kalt.
Er klammerte sich an den Thürgriff und lauschte mit zurückgehaltenem Atem. Anfangs unterschied er nichts. Dann hörte er Eriks Stimme, halblaut, kurz, sehr bestimmt im Ton. Sie wiederholte sich. Darauf eine Pause, — und plötzlich ein Klagelaut drinnen, ein einziger Laut, aber so schmerzlich, daß den Knaben Entsetzen faßte.
Was that man mit Ruth, mit seiner lieben Ruth? Was that der Vater ihr an? Etwas Furchtbares mußte es sein. Etwas Furchtbares mußte heute im kleinen Gehölz vor sich gegangen sein.
Und er durfte die Thür nicht aufstoßen, er wagte es nicht. Aber eine rasche, wilde Empfindung, wie plötzlicher Haß, loderte unverstanden in ihm auf: daß er ein Knabe war, und der Vater ein Mann! Daß er nicht eindringen durfte mit gleichem Recht, — mit Gewalt!
Aber ebenso rasch erlosch sie wieder. Ruth konnte nichts geschehen, wenn sie bei seinem Vater war.