»Ich bin schon fort!« entgegnete sie.

Diese Antwort ergriff Klare-Bel sehr. Ihr schien, es lag etwas Schmerzlicheres darin, als in Klagen und Thränen, — etwas, das die bloße Ankündigung der Trennung schon mit ganzer Wucht als Trennung empfand und nicht mehr davon los konnte.

Sie fühlte heißes Mitleid in sich aufsteigen. Und jetzt kam Erik ihr doch hart vor. Wie konnte er nur wollen, daß Ruth so von Haus zu Haus, von Hand zu Hand ging. Unwillkürlich suchte sie nach Worten, die wahrhaft trösten könnten. Gab es keine solchen? In ihrer Ratlosigkeit griff sie nach dem Höchsten, das sie gekannt hatte.

»Wir wissen alle nicht, wo wir bleiben, und was mit uns geschieht,« sagte sie zögernd, »wir wissen es nie. Es steht in Gottes Hand. Aber wir sind auch nie allein, wo wir auch hingehen. Gott ist allgegenwärtig.«

Ruth lächelte flüchtig.

»Ja,« versetzte sie traurig, »was kann es helfen, daß Gott allgegenwärtig ist, wenn die Menschen es doch nicht sind? die Menschen, von denen wir fortgehen.«

Klare-Bel schwieg peinlich berührt. Sie gab es auf, Ruth trösten zu wollen. Wenn diese so etwas sagte, klang es kindisch und vermessen zugleich. Wer mochte darauf antworten?

Ueber Eriks Abwesenheit äußerte Ruth kein Wort; obgleich er ihr nicht davon gesprochen hatte, wunderte sie sich doch nicht darüber, ihn nicht zu sehen. Es mußte wohl so sein: war doch alles in Auflösung begriffen.

Jonas erfuhr nichts von der bevorstehenden Trennung. Niemand teilte es ihm mit. Er hörte nur, daß Ruth wieder gesund sei, aber das glaubte er nicht. Wie konnte sie gesund sein, wenn sie doch so ganz verwandelt war seit gestern. Und nicht nur Ruth, alles schien ihm wie verwandelt.

Gern hätte er sie gebeten, ihm zu sagen, was gestern geschehen sei, aber sie ging den ganzen Tag mit so in sich gekehrtem, fremdem Blick an ihm vorbei, daß er es nicht herausbrachte. So begnügte er sich damit, so oft er nur konnte, neben ihr zu sitzen, den Arm um ihre Stuhllehne gelegt, und von Zeit zu Zeit behutsam und zärtlich ihre Hand zu streicheln. Manchmal duckte er sich auch und küßte ihre Hand, ohne daß Ruth es beachtete.