Daß Erik nicht zu Hause war, verstärkte in Jonas noch die Empfindung, daß er über Ruth zu wachen habe, wie ein getreuer Wächter. Am liebsten hätte er sie mit Leib und Leben verteidigt, aus Todesgefahr errettet, — wenn er nur gewußt hätte, wovor und vor wem.
Spät abends, als sie längst in ihre kleine Stube hinaufgestiegen war, patrouillierte Jonas noch unermüdlich im Garten vor ihrem Fenster auf und ab, und es that ihm leid, daß so absolut nichts passieren wollte. Endlich verfügte er sich mit einem krampfhaften Gähnen in sein Bett, aber er schlief unruhig und erwachte bald wieder.
Da sah er deutlich im Garten vor der Terrasse Ruths Fensterkreuz auf einem hellen Lichtfleck abgezeichnet: bei ihr mußte jetzt, gegen Morgengrauen, noch Licht brennen.
War sie krank? unglücklich?
Er hielt es im Bett nicht aus. Im Nu war er in seinen Kleidern und kletterte geräuschlos aus dem Fenster. Vor der Terrasse stand die alte Ulme; sie besaß einen bequemen Sattel, von dem aus zwei mächtige Aeste sich gabelten. Wie eine Katze glitt Jonas am bemoosten, von den starken Niederschlägen der Nacht schlüpfrig gewordenen Stamm hinauf.
Verlangend blickte er in den gelblichen Kerzenschein, der aus der Giebelstube fiel.
Ruth saß auf dem Bett. Vollständig angekleidet, so wie sie hinaufgestiegen war, saß sie noch da; die Arme vor sich hingestreckt, die Hände auf den Knieen gefaltet, kehrte sie Jonas fast voll ihr Gesicht zu. Den Kopf ein wenig erhoben, schaute sie weit hinweg über die dunkeln Wipfel des Gartens.
Sie schaute so geheimnisvoll, wie in eine unendliche, verklärte Ferne. Und um die festgeschlossenen Lippen lag ein stiller Ausdruck, — lag Ergebung.
Jonas starrte auf sie hin mit weitgeöffneten Augen. Er war so im Bann des einen Bildes, daß er gar nicht mit Bewußtsein wahrnahm, was das flackernde Licht auf dem Tisch sonst noch beleuchtete. Er sah nicht, daß der Tisch selbst abgeräumt war, die Stühle zusammengeschoben, — nicht, daß auf ihnen ein offener, halbgefüllter Koffer stand, und daß die Wände, ohne den Schmuck seiner Bleistiftsskizzen, kahl und leer auf Ruth niederblickten.
Er sah nur sie, seine lustige Ruth, wie in dem Bilde einer betenden Heiligen, und alles, was in dem gestrigen Erlebnis seine schwerfällige Knabenphantasie in mächtige Schwingungen versetzt hatte, gewann erneute Gewalt über ihn. Ruth selbst wurde zu etwas Geheimnisvollem und Leidendem für ihn; aus der fröhlichen Spielgefährtin zu einem Wesen, das seine Schwärmerei wachrief.