Der Tag schlich langsam zu Ende. Es war so still im Hause, als ob keiner darin anwesend sei. Erik hatte lange bei Jonas gesessen, ihn genau angesehen, alles Notwendige veranlaßt und den heftig Widerstrebenden gezwungen, sich ganz zu Bett zu legen. Es handelte sich um eine starke Halsentzündung mit beträchtlichem Fieber.
Ruth stand auf dem Flur, gegen das Treppengeländer gelehnt. Sie wußte selbst nicht, warum sie dort stand. Wahrscheinlich weil alle Thüren sich in den Flur öffneten. Und aus einer der Thüren mußte doch endlich Erik kommen. Und wenn er kam, mußte er doch zu ihr treten. Sich nach ihr umwenden. Er mußte doch einsehen, daß es unmöglich war, so fremd aneinander vorüberzugehen, wie er es heute abend that.
Sie wollte so wenig: nur seinen Blick auf sich gerichtet sehen wollte sie, — nur seine Hand fühlen, einen Augenblick lang.
Seitdem Erik sie an sich gerissen, und von sich gestoßen hatte, war eine ratlose Verzweiflung über Ruth gekommen. Die äußere Trennung, die nahm sie ja hin, wie etwas Furchtbares, aber Unabwendbares, weil er es so forderte. Aber daß er sie ganz plötzlich auch innerlich von sich losriß, das konnte sie nicht ertragen. Ihn den Blick absichtlich fortwenden zu sehen, — ohne ein Wort der Liebe für sie, ihn wie einen Fremden dastehen zu sehen, — das konnte sie ganz gewiß nicht ertragen.
Zur Schlafenszeit trat Erik aus dem Wohnzimmer heraus. Als er Ruth an der Treppe bemerkte, sagte er ihr gute Nacht. Sie machte eine Bewegung auf ihn zu, ihre Augen schauten dunkel und vorwurfsvoll zu ihm auf. Aber er sah ihr nicht in die Augen. Er gab ihr nur flüchtig die Hand. Dann ging er an ihr vorüber, zu Jonas hinein.
Bald darauf siegte die Uebermüdung über ihn; wider Erwarten fiel er in einen schweren Schlummer. Aber aufregende und häßliche Träume erfüllten seinen Schlaf, furchtbare Träume, die seinen Körper mit kaltem Schweiß bedeckten.
Er sah Ruth vor sich, gealtert, verwelkt, mit gefurchten Zügen und gekniffenen Lippen, mit Lippen, wie sie eine leere, liebeleere Jugend gibt; er sah sie in einem lächerlichen Bilde, wie in einer Theaterposse, als tugendsame hysterische alte Jungfer, mit der unerfüllten Sehnsucht nach Zärtlichkeit im erloschenen Blick. Und da, als er in der Angst des Traumes gewaltsam seine Augen von der Fratze wandte, — fort, einem andern Ruthbilde zu, — da wandelte es sich vor ihm — zu nackter, entblößter Schönheit. Nackt sah er Ruth, — und schamlos, fremden Männern preisgegeben, — einen weißen Körper, der nicht der ihre war, ein lachendes Antlitz, das nicht das ihre war, — und doch wußte er: es sei Ruth.
Er erwachte mit einem stöhnenden Laut. Und noch aus dem Traume heraus hörte er küssen und lachen.
Aber das leise Stöhnen wiederholte sich, als habe es ein Echo an den Wänden des Zimmers gefunden, und ein unterdrücktes Weinen schlug an Eriks Ohr.
Er richtete sich auf und lauschte.