»Wir werden nie mehr hiervon miteinander sprechen,« sagte er leise, — »nie mehr. Aber vergiß es nicht. Zwinge deine Gedanken auf die Arbeit, auf das, was vor dir liegt. Suche dich mit mehr Festigkeit zu beherrschen. Ich werde darauf achten und dir nichts durchgehen lassen. Streng mit dir sein müssen, mein Junge. Mache es mir nicht schwer.«

»Papa,« versetzte Jonas so zutraulich, wie er sonst nur mit Klare-Bel zu sprechen verstand, »ich will mich nie wieder vor dir fürchten. Sei so streng du willst gegen mich. Du hilfst mir ja damit, nicht wahr? Tüchtig zu werden. So fest und tüchtig wie kein andrer. Ausstechen muß ich jeden andern! Hilf mir schnell, ein ganzer Mann zu werden! — Ein Mann für — für — ich meine: ein Freund für Ruth.«

Am liebsten hätte er sich im Bett aufgesetzt und geplaudert; Erik mußte ihm das Sprechen verbieten und das Zimmer verlassen. Nun schwieg er; er lag zufrieden im Bett und dachte angestrengt an die Zukunft.

Erik war außer stande, sich wieder schlafen zu legen; er kleidete sich vollständig an. Er fühlte sich frei; wie erfrischt von einem langen, gesunden Schlaf, wie gekühlt und gestählt durch ein erquickendes Bad. Die ganze schwüle Beklommenheit vom Nachmittag und Abend, die noch auf seinen Träumen gelastet hatte, war verflogen. In der Einwirkung auf einen andern, dessen Unruhe er bezwang, dessen innerste, widerstrebende Gedanken er bestimmte, — im kurzen Kampf mit dem Knaben, der zugleich sich gegen ihn auflehnte und ihm vertraute, hatte er sich selbst zurückgefunden. Seine Kraft geweckt und gesammelt. Er wußte recht wohl, wie es damit stand: wenn er sich am schwächsten fühlte, dann erstarkte er an der Kunst, andre in überlegener Behandlung zur Stärke zu veranlassen; an der gehobenen und mutigen Stimmung, die er von ihnen forderte und in ihnen hervorrief, — an seinen eigenen überzeugten, überredenden Worten kletterte er selbst zu neuem Mute, neuer Zuversicht empor, wie an einer langen Leiter, die sich manchmal mitten aus seiner eigenen Verzagtheit erhob, aber bis ans Unbegrenzte zu reichen schien, — bis an ein unbegrenztes Selbstvertrauen.

Viele tausend solcher Leitern, festgehalten von den Händen einer Menschenmenge, die ihn umdrängte, die an ihn glaubte, die auf ihn angewiesen war, — und er hätte einen Himmel auf Erden erstiegen.

Nur kein Zusammenbrechen der festesten dieser Stützen! denn Stützen waren es, — wie sehr auch er selbst als der Stützende dabei erschien. Niemand ist absolut stark.

Erik wußte recht wohl, wo seine Gefahr lag, wo auch in ihm der Schwächling steckte: da, wo er sich allein überlassen blieb.

Draußen herrschte noch dunkle Nacht. Es schlug drei Uhr.

Erik litt es nicht im engen, warmen Zimmer. Er öffnete leise die Hausthür und trat hinaus.

Die Finsternis war so dicht, daß er nur langsam der Tiefe des Gartens zugehen konnte. Er empfand den aufsteigenden Nebel, ohne ihn zu sehen. Das knisternde Rauschen der Birkenwipfel belehrte ihn über die Nähe des kleinen Gehölzes. Darüber glänzte am verhängten Himmel hie und da ein verlorener Stern. Das letzte Mondviertel, der schmale, blasse Vorläufer der Morgenröte, war noch nicht sichtbar.