Sie erwiderte nichts, aber er fühlte, wie ihr Herz wild zu schlagen begann. Sie gab nicht passiv nach, wie bis gestern noch. — Sie war gestern irre geworden. —
Mit letzter Kraft mochte sie sich gegen ihn zusammengerafft, — sich eingeredet haben, ihm gegenüber noch Kraft zu besitzen: Selbständigkeit. Im arglosen Schlummer erschüttert, mochten ihre Gefühle in Gärung gekommen sein, — mochte eine Welt von unverstandenen Empfindungen in ihr ringen.
Die feine, ruhige, gerade Linie, in der sie sich vor Eriks Augen so kindlich weiter entwickelt hatte, wurde ihm undeutlich, wurde unruhig, — sie schien sich zu biegen, — eine Wendung zu machen: eine Wendung zu ihm hin — oder von ihm fort.
Ueber Erik kam eine Spannung, die alle seine seelischen Fähigkeiten aufs äußerste schärfte, sein ganzes Wesen erwartungsvoll spannte, und jegliche sinnliche Erregung vollkommen niederhielt.
Er legte seinen Arm um Ruth und bog mit der Hand ihren Kopf zurück. Ihre Lippen zitterten.
»Sieh mir in die Augen, du Trotzkopf!« sagte er, »was hat sich da in dir geregt? Brich den letzten Trotz, — denn es war einer. Laß mich ihn brechen. Es schadet nichts, wenn es einen Augenblick schmerzt. Gib nach, laß es geschehen. Wirf dein Recht von dir, mache dich rechtlos. Um Kinderrecht zu haben: um folgen zu dürfen, ohne zu fragen. Um zu gehen, ohne ein Warum.«
»Wann — gehen?« fragte sie undeutlich.
Er drückte ihren Kopf an sich.
»Heute,« sagte er mit bedeckter Stimme, »jetzt. Jetzt gleich. Nein, nicht zusammenschrecken. Sei mein mutiges Kind. Wir haben nur noch diese Stunde, Ruth. Dann bringe ich dich in die Stadt. Zum Zuge, der ins Ausland fährt. Frau Römer wartet auf uns.«
Sie hatte sich in seine Arme geworfen. Sie umfaßte ihn so fest, als solle nichts sie von da wegreißen. Doch wußte er: sie widerstrebte nicht länger. Sie gab nach, willenlos.