Aber es war vielleicht nur die Angst des Abschiedes. Der Schreck davor, der sie überfiel. Gestern war sie doch irre geworden an ihm, — und morgen? — — da besaß er keine Macht mehr über sie. Wußte nicht mehr, was in ihr vorging.

Er sagte sehr sanft: »Du gehst nicht fort, weil ich dir weh thun will, sondern weil ich dich lieb habe. So lieb, daß ich dir weh thun kann. Gib dich dieser Liebe, Ruth, — ohne Rückhalt, ohne Zweifel, — gib dich ganz. Denke täglich, daß ich es zu dir sage, — des Morgens mit deinem Erwachen, des Abends mit deinem Einschlummern: Ich hab' dich lieb.«

Sie sah auf, ohne von ihm zu lassen, — mit grenzenlosem Dank in den Augen sah sie auf. Ein kaum merkliches Lächeln spielte ihr um den Mund, — ein wenig zaghaft noch.

»Da gehe ich ja nicht fort, — da nehme ich Sie ja mit,« sagte sie, fast schelmisch.

Das Glück brach aus ihren Augen, — ja, der Schalk.

Es berauschte ihn. Aber anders als gestern. Wohl hielt er sie im Arm, wohl kniete sie an seiner Brust, aber nicht seine Sinne wurden berauscht. Etwas unendlich viel Feineres, eine Wollust so fein, wie sie sich durch keine Sinne vermittelt, erfüllte ihn mit kraftvollem Genügen. Er konnte Ruth nicht unbedingter zu eigen nehmen, nicht stärker sich aneignen als in diesem Augenblick, wo er sie von sich löste, wo sie auf sein Geheiß von ihm ging, weil sie ihm lieb war.

Einigung und Trennung, selbstloses Verzichten und selbstsüchtiges Eingreifen, Schützen und Vergewaltigen, Dienen und Herrschen verschlangen sich ununterscheidbar in einem einzigen Gefühlsknoten, in einem einzigen Augenblick berauschenden Erlebens.

»Ist es nun nicht gut, daß du mir gehorchen und vertrauen mußt? daß wir nicht sind wie ›zwei Kinder im Wald‹, die sich verlaufen? Für die es schlimm wäre, wollte eines das andre aus den Augen verlieren, — verlassen. Mir kommst du aus den Augen, und doch nie von der Hand. Ich bin mit dir wie jemand, den du nicht neben dir stehen siehst, und doch um dich weißt — über dir walten, wo du auch gehst und stehst. Wie jemand, den du nicht fragen kannst, und der zu manchem schweigt, — der aber doch alles weiß, was dir not thut und gut thut wie —«

»Wie Gott,« sagte Ruth keck.

Das Wort lief wie ein Schauder über ihn hin.