Er nahm eine Mappe vom Schreibtisch, in der sämtliche Briefe aus Heidelberg lagen, vom vorigen August bis zum heutigen April.

Anfangs lauter Briefe von Frau Römer. Ruth konnte nicht schreiben, sie lag im Fieber. Ein schleichendes Fieber, fürchteten sie. Erik war zur Abreise vollständig fertig gewesen, er depeschierte bereits seine Ankunft.

Da traf ein Telegramm ein, das ihn zurückhielt. Drei Tage später ein kurzer Brief von Frau Römer:

»Ihre Anwesenheit ist nicht erwünscht. Die Trennung würde dasselbe noch einmal ergeben. Ruth muß es lernen, ohne Sie zu leben. Daher dürfen Sie unter keinen Umständen herkommen. Mein Mann meint es als Arzt, ich meine es aber auch — als Frau. Ich habe Ruth lieb wie mein Kind; wollen Sie mir helfen, wie eine Mutter über ihr zu wachen, so entfernen Sie auf immer aus Ihren Briefen alles, — auch das Geringste, was Sehnsucht wecken könnte.«

Nach einer Woche schrieb Frau Römer:

»Mit unsrer Ruth geht es besser. Aber gestern hat sie uns sehr erschreckt. In ihrem Zimmer steht mein Lehnsessel, mit braunem Leder bezogen; sie wollte ihn durchaus haben, als sie ihn bei mir sah, und sagte dabei bedauernd: ›Wie schade, daß er nicht grün ist!‹

Diesen Sessel hatte sie gestern nacht mitten ins Zimmer, ihrem Bett gegenüber, gerückt. Als mein Mann noch einmal leise hereintrat, um nach ihr zu sehen, sieht er im Schein der kleinen Nachtlampe Ruth aufrecht im Bett, — den Oberkörper weit vorgebeugt, die Augen starr auf den Sessel geheftet, das Gesicht verzückt.

Als sie meinen Mann sah, fiel sie in die Kissen zurück. ›Ach, — nun ist er fort!‹ sagte sie traurig. Sie war in einer halben Ohnmacht, am ganzen Körper kalt.

Wir haben den Lehnstuhl aus ihrem Zimmer entfernen müssen. Mit den andern Stühlen ›geht es nicht‹, versichert sie.

In aufrichtiger Freundschaft