Irene Römer.«
Bald darauf kam der erste, noch mit Bleistift aus dem Bett gekritzelte Zettel von Ruth selbst. Wenige Zeilen nur, darunter ein Postskriptum:
»Ich glaube, daß die Menschen zaubern könnten, wenn sie wollten.«
In der Mappe befand sich neben diesem kleinen Zettel ein Schreiben von Eriks Hand, — ein vollständiges Briefkonzept, welches anfing:
»Mein Herzenskind!
Außer den bekannten zehn Geboten gibt es noch ein elftes, speziell für Dich: ›Du sollst nicht zaubern.‹
In ururalten Zeiten nahmen die Menschen, wenn ihre Götter die Wünsche einzelner nicht erfüllten, mitunter ihre Zuflucht zu fremden und bösen Geistern, die sich durch Zauberkunst und Zauberformeln beschwören ließen. Das mögen die Menschen aus zweierlei Ursachen gethan haben: aus Kleinmut oder Hochmut; aus dem mangelnden Glauben, daß im Willen ihrer Götter auch wirklich eine weise, gute Macht über ihnen waltet, — oder aus dem Trotz, der es müde geworden ist, zu gehorchen und zu vertrauen.
Du machst es doch nicht ebenso, — gleichviel aus welchem dieser beiden Gründe? Nimmst Dir doch nicht hinter dem Rücken und aus eigener Machtvollkommenheit, was Dir vorenthalten bleiben soll? Rufst doch nicht, wie damals, in der letzten Nacht, einen fremden, bösen Geist, das Fieber, um Dir zu helfen und Dich in eine Wirklichkeit zu entführen, die keine ist?
Du sollst nicht zaubern. Sollst Dich an die Wirklichkeit hingeben, die um Dich ist, — ganz, voll Glauben und voll Vertrauen, daß Du in ihr zu Hause bist —«
Hier brach das Briefkonzept ab; die nächsten Zeilen waren ausgestrichen, — wiederholt, und wieder ausgestrichen. Sie waren ihm sichtlich schwer von der Hand gegangen.