Aber die Konzepte mehrten sich; hinter jedem Briefe Ruths folgte eines; Erik blätterte sie ungeduldig beiseite: daß sie da lagen, das besagte genug.
Sein Blick verweilte nur länger, wenn er wieder auf die feine, charakteristische Handschrift Frau Römers traf. Er konnte das Gefühl nie ganz los werden, als ob er mit ihr — oder sie mit ihm? — in einem geheimen, unbewußten Kampf stände; und doch erquickten ihn diese Briefe. Wenn sie wider Wissen und Willen ein Feind war, so war's ein herrlicher. Einer, wie man ihn sich wünschen soll, um sich mit ihm zu messen.
Um diese Frau wehte es wie helle, reine Luft, — man mußte sich wohl darin fühlen. Und jedes ihrer Worte ein so klarer Ausdruck dessen, was sie warm empfand. Während man las, glaubte man ihre Stimme zu vernehmen: eine heitere, entschlossene Stimme.
Schon wollte Erik die Mappe schließen und an ihren frühern Platz legen, als ihm noch ein Brief Ruths in die Augen fiel. Vor vielen Wochen geschrieben und durchaus nicht gefühlsmäßigern Inhaltes als die übrigen, — auch, gleich den übrigen, ohne Anrede und ohne andern Abschluß als »Ruth«. Aber auf der letzten Seite, da hatte sie sich verschrieben: da stand einmal »Du«, anstatt »Sie«.
Sie hatte den kleinen Verräter energisch ausgestrichen und das ihm beigefügte Zeitwort umkonjugiert. Aber am Rande der Seite war's treuherzig bekannt: »Ich habe ›Du‹ gesagt, ich wollte aber ›Sie‹ sagen.«
Erik schaute nie in die Mappe hinein, ohne an dieser Stelle hängen zu bleiben, — und er schaute oft hinein.
Diese eine Silbe war ihr einziger wirklicher Gruß an ihn. Mündlich würde sie sich schwerlich je versprochen haben. Sie bedurfte dessen nicht. Sie hatte »Du« zu ihm gesagt, an jedem Tage, in jeder Stunde fast, mit Blick und Ton und Miene. Jetzt erst ward es zum verständlichen Wortlaut, unwiderstehlich: ein Ersatz für alle wortlose Nähe.
Erik schob die Briefe von sich; er wollte arbeiten. Arbeiten, — nur nicht dieses unnatürliche, vollständig entnervende Hinleben in Gefühlen und Gedanken, — dieses unsichere Tasten ins Blaue, in die Ferne, mit dem Verzicht darauf, zu handeln. Wie leicht war dagegen selbst die Trennungszeit für ihn gewesen: innerste, angespannteste Aktivität bis zur letzten Sekunde, aufs höchste gesammelte und gesteigerte Kraft: für Ruth.
Nun der Rückschlag. Nachlassen, — gehen lassen. Es machte ihn fast krank.
Und er arbeitete Stunde um Stunde, bis eines der blauen Schulhefte nach dem andern mit den notwendigen roten Tintenstrichen durchsetzt war.