»Es mag ja sein. Aber dann kam wohl noch allerlei hinzu, was nur im Mündlichen liegt. Dein ganzes Wesen kam hinzu. Du bist ja so jung und frisch im Wesen, Erik.«
»Nun, — und?«
Er wandte sich um. Gewiß fand Ruth seine Briefe ebenso »entsetzlich nüchtern,« wie er die ihren. Nur aus einem andern Grunde: sie konnte nicht ihr Inneres aussprechen, — und er durfte nicht.
»Ja, — nun, — ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, Erik. Aber in dem Brief da bist du wie ein ehrwürdiger alter Mann, mit langem weißem Bart und Haar, — ungefähr so, wie die Kinder sich den lieben Gott vorstehen.«
Es durchzuckte ihn. Er mußte an Ruths Wort denken: »Wie Gott.«
Eine Fülle widerstreitender Empfindungen wühlte es in ihm auf. Was für ihn wie für Ruth diesen Briefwechsel nüchtern machte, — im lebhaftesten Plauderton noch kalt und stumm, — das mochten wohl zwei ganz entgegengesetzte Gefühle beim Lesen der Briefe sein.
Für ihn war's ein Abzug am Vollen, Menschlichen ihrer Persönlichkeit, ihres innersten Wesens, das in Worten nur seine Oberfläche zu zeigen vermochte. Für sie war's vielleicht ein Zusatz zu seiner menschlichen Persönlichkeit, eine Verklärung derselben: er hatte ihr ja auch mündlich sein innerstes Wesen verschweigen müssen, und gerade das idealisierte sie sich nun vielleicht aus seinen geschriebenen Worten, — »ungefähr so, wie die Kinder sich den lieben Gott vorstellen.«
Daher war ihm auch nie von selbst das Bedenken gekommen, sie könne an seinen Briefen ebensoviel auszusetzen haben, wie er an den ihren. Denn er hatte gefühlt: in seinen Briefen ergriff sie seine Hand und ging an derselben vertrauensvoll ihren Weg. Gehorsam — froh. Denn sie litt doch nicht? Nein, das that sie gewiß nicht.
Man hatte sie dort mit einem Leben umgeben, das sie unausgesetzt anregen, bereichern, entwickeln mußte, — sie beglücken und sie erfüllen. Und mit ihrer unbegrenzten Empfänglichkeit stand sie mitten in diesem Leben, — wie mit weit ausgebreiteten Armen.
Nein, sie — sie litt nicht.