»Ganz so war es wohl nicht. Nicht so eng. Für Blumen und Kochmaschinen und Nähzeug schwärmte Papa nicht sehr. Und wenn er bei den Büchern war, dann mußte er in seinem Zimmer allein sein. Da warst nur du bei mir. In einer kleinen Wiege.«

»Eine kleine Wiege?«

Jonas wurde ziemlich rot. An dieses Stück der Zimmereinrichtung hatte er noch gar nicht gedacht. Er sagte etwas befangen: »Nun ja. Aber wenn du auch nur nebenan gesessen hast, so war es doch das, was ihn fleißig machte. Und eben das denke ich mir so herrlich beim Studieren, wenn man's für jemand thut, den man so über alles lieb hat.«

»Das sage du Papa lieber nicht. Das würde ihm vielleicht mißfallen. So hat er es mit seinen Studien und Plänen wohl nie gemeint. Er war so ganz anders, als du bist, Jonas. Aber unendlich gut und klug war er. Und als er anfangen mußte, sich ums Brot zu plagen, und es mich grämte, da lachte er mich so herzlich aus und sagte: ›Laß gut sein, Bel, ich hab' ein Mittel, ein Zaubermittel, um frisch zu bleiben, — mag es noch so viel Plage geben, — frisch für meine Ziele: das Mittel bist du, Bel‹. Ja, so sagte er.«

Jonas schwieg. Er wollte den Vater nicht vor seiner Mutter herabsetzen, aber in diesem Punkte fühlte er sich ihm weit überlegen.

»Man kann noch tausendmal mehr lieben!« dachte er im stillen.

Klare-Bels Gedanken aber träumten sich, schmerzlich und beglückt, in die Zeit ihrer Studentenehe zurück. Sie sah alles vor sich, als habe sie es eben erst verlassen, und durchwanderte jeden Winkel, der ihr Glück beherbergt hatte. Sie sah auch die Stube, wo er über seinen Arbeiten saß, und sie ihn leise, — ganz leise mußte es sein, — umsorgte. Aber gerade dieses Bild verwischte sich ihr, wurde undeutlich wie vor Thränen. An Eriks Stelle saß ein andrer, — saß Jonas; — und immer wieder, mit einem dumpfen Zukunftsgrauen, erblickte sie sich allein, — allein mit dem Sohn.

Die Nacht lag Klare-Bel wach, und als sie gegen Morgen einschlummern wollte, schreckte der Gedanke sie auf, als müsse sie über irgend etwas angestrengt und mit Schmerzen nachgrübeln.

Am folgenden Tage fielen die Schulstunden aus; irgend einer der zahlreichen griechischen Kirchenheiligen wurde gefeiert. Erik setzte sich am Vormittag mit einigen Büchern und Papieren ins Wohnzimmer, wo, in der Nähe des Kaminfeuers, ein Schreibtisch für ihn improvisiert worden war. Draußen stöberte ein ganz feines Schneewetter aus ein paar finstern Wolken, hinter deren blau-schwarzem Rande die Aprilsonne neckend bereits wieder hervorlachte. Hell und dunkel glitt es über das Zimmer hin.

Klare-Bels Augen hingen mit einem wehmütigen Ausdruck am Arbeitenden. Heute morgen wollte sie ihn fragen. Sie hielt es nicht länger aus. Wie hatte sie nur denken können, seine Briefe würden ihn ihr verraten? Denn Ruth war ja noch so ganz unbewußt gewesen. Zu ihr konnte er nicht offen sprechen. Daher gerade der auffallend zurückhaltende Ton. Vor ihr verbarg er sich — befangen und mühsam.