Während Jonas ans Bett trat, leise, auf den Fußspitzen, griff Erik nach den Briefen. Der eine von Frau Römer, der andre von Warwara. Ohne zu wissen, warum, erbrach er Warwaras kurzes Billet zuerst: die Bitte, morgen bei ihr zu speisen; sie bäte um Nachrichten über Bels jetziges Befinden und wünsche auch, ihm eine Mitteilung zu machen; in etwa einer Woche verreise sie bereits ins Ausland.
Erik setzte sich an das Fenster und öffnete Frau Römers Brief. Ein längerer als sonst. Acht Seiten.
»Lieber Freund!
Heute schreibe ich in einer besondern Angelegenheit, die unsre Ruth betrifft. Aber erschrecken Sie nicht, denn erstens ist es nichts zum Erschrecken, und dann ist es auch noch keine Wirklichkeit, sondern vorläufig nur eine Möglichkeit.
Sie erraten wohl, daß es sich um Jurii handelt. Ich wußte wohl von seiner jugendlichen Schwärmerei für Ruth, ohne sie besonders zu beachten. Dergleichen ist am Ende kein Unglück für einen jungen Menschen. Jetzt aber glaube ich, daß er Ruth ernsthaft liebt, und daß er im Begriff steht, um sie zu werben. Dies ist nun von geringem Interesse für Sie, es sei denn, daß Ruth ihn wiederliebt. Dafür habe ich keinerlei stichhaltigen Beweise. Aber das Wunderliche ist, daß man nie ganz ergründen kann, was in Ruth vergeht, und wie sie in ihrem innersten Herzen denkt. Nie sah ich einen Menschen, der offener, nie einen, der verborgener gewesen wäre als sie. Offen: bewußt; verschlossen: unbewußt. Es ist, als führe sie, noch hinter allem andern, was sichtbar wird, ein geheimes Eigenleben für sich, von dem sie selbst nicht recht weiß, aus dem aber dennoch alle entscheidenden Gefühle und Gedanken bei ihr kommen. So könnte sie recht gut einmal sich selbst zur Ueberraschung handeln, — ihrer ganzen klaren, frischen, heitern Unbefangenheit zur Ueberraschung, — und gerade damit ihr eigentlichstes Selbst erst zum Ausdruck bringen. —
Aber nun zu Jurii. Ich kann über ihn nur Gutes, ja Vortreffliches mitteilen. Ich kann es nur in die Worte fassen: hätt' ich eine Tochter, — mir sollt's recht sein. Er ist brav, sympathisch, sehr begabt, ernst in der Richtung seines Wesens und seiner Interessen. Gänzlich unverdorben. Dazu kerngesund und ein bildhübscher Junge. Das ist viel auf einmal. Ueber Familie und Verhältnisse wurde Ihnen selbst schon das Beste bekannt. Seine große Jugend ist kein Fehler, da Ruth denselben mit ihm teilt, und da die Zeit ihn so gründlich heilt.
Aber glauben Sie, bitte, trotzdem nicht, daß meine Wünsche Ruth vorauslaufen, — auf Kupplerfüßen laufen. Ich wünschte nur, Sie rechtzeitig vorzubereiten, damit Sie überlegen, wie Sie sich zur Sache stellen wollen. Denn gegen Ihren Willen, — nein, auch nur ohne Ihren vollen Willen, — würde ja wohl Ruth nie etwas thun —«
Erik las nicht weiter.
Er überflog die nächsten Seiten: sie handelten nicht mehr hiervon.
Ruths Schweigsamkeit, — war sie doch gewollt, bewußt? Abkehr von ihm, eine stille Wandlung?