Und so nackt legte sie auch jetzt noch ihre Seele — in all ihrer Hilflosigkeit und zagenden Hoffnung, vor ihn hin, — ohne jeden falschen Stolz. Sie kannte es nicht anders.
Erik hielt noch immer das Lesezeichen in der Hand und betrachtete es geistesabwesend. Ein recht unpassendes hatte sich da ins Buch hinein verirrt: ein nackter Amor mit einem großen Rosenbouquet.
Während er aber stumm darauf hinschaute, sprach er in Gedanken zu Klare-Bel, unterbrach sie im Lesen, nahm ihr das Buch aus der Hand. Er war ganz eingenommen von diesem wortlosen Zwiegespräch: »Dieser Titel gehört sicher nicht über deinen Glauben und deine Zweifel, Bel; ›Peinzensmoede‹ bedeutet ja: des Sinnens, des Grübelns müde. Wann hättest du das gekannt? Ein vom Zufall der Erziehung lässig dir übergeworfenes Kleid, — ein durch einen Zufall deiner Ehe lässig von dir abgeglittenes Kleid: das war in deinem Leben der Glaube.«
Und in Gedanken hörte er Klare-Bel: »Woran soll ich denn aber noch glauben, Erik? An dich? Doch nicht an dich? Von wo einen Halt nehmen? Du warst mein Halt. Ach, der hält nicht! Er biegt sich unter meiner Hand hinweg, und läßt mich stürzen. Soll ich mir selbst ein Leid anthun? Dich ermorden? Sie vergiften? Ich bin keiner von den Menschen, über denen die Leidenschaften vernichtend zusammenschlagen. Bin ich dadurch nicht nur hilfloser? Meine tiefste Verzweiflung heißt Hilflosigkeit; — das Tasten nach einer Stütze: mein letzter klarer Gedanke. Warum verwehrst du es mir?«
»Weil ich diese Stütze hasse, — diesen Halt, der mich ersetzen soll. Nein, weil ich mich dessen schäme, — daß er mich ersetzen muß. Weil ich kein Mitleid mehr mit dir habe, — nur noch Zorn und Haß und Scham vor mir selbst.« — — — — — — — — — — —
Klare-Bel schaute von ihrem Buch auf, unsicher gemacht durch sein Schweigen.
»Ist es nun nicht schön, Erik?« fragte sie leise, beinahe bittend, »— mich macht es glücklich.«
»Dann ist es schön, Bel!« sagte er sanft. —
Aber seine Stimmung war nicht sanft. Den ganzen Abend schlug er sich mit einer ihm fremden Pein herum. Schon am Vormittag, — als er seine Frau nicht sofort über ihr Mißverständnis aufklärte, sondern sich edler nehmen ließ, als er war, — und jetzt wieder, wo seine Lippen anders redeten, als seine beschämten, zornigen Gedanken, — hatte er gegen seine innerste Natur gehandelt, sich passiv verhalten, die Dinge gehen lassen. Nicht aus einer Weichlichkeit des Mitleids, — aus gerechter Ueberzeugung: ob es ihm sympathisch oder widerwärtig war, durfte nicht in Betracht kommen gegenüber dem, was Klare-Bel durch ihn erleiden mußte.
Er hatte sich unausweichlich in die Lage gebracht, gegen seine eigenste Natur handeln zu müssen.