Den nächsten Tag bedurfte Erik einer gewaltsamen Willensanstrengung, um seine Gedanken von allem loszureißen, was ihn quälte, und auf seine Arbeit zu richten. Bald sah er Bel als Betschwester vor sich, bald Ruth als Braut; Hohn und Erbitterung erfüllten ihn. In beiden Fällen war er der entthronte König.
»Einen neuen Gott die eine, — einen neuen Mann die andre, — es ist fast dasselbe!« dachte er und erschrak selbst vor der Häßlichkeit seiner Gedanken.
In einer Pause zwischen seinen Schulstunden, während welcher er in der Stadtwohnung vorsprach, zog er Frau Römers Brief aus seinem Taschenbuch. Er hatte ihn nicht einmal ganz gelesen, — nur durchflogen, — und jetzt kam ihm das Gefühl: es müsse wohl thun, diese Frau reden zu hören, bei ihr Ruhe zu finden vor all dem Häßlichen, was in einem Menschen aufgewühlt werden kann.
Und er las weiter.
»Es ist ja nicht notwendig, daß Ruth sich schon so jung bindet. Vielleicht wird sie sich erst viel später verheiraten, — vielleicht nie. Nun sehen Sie, dies wäre nicht wünschenswert. Ich weiß nicht, wie Sie darüber denken. Ich spreche als glückliche Frau naturgemäß für die Ehe. Aber ich habe gut reden: ohne meinen Mann wäre ich wohl ein nichtsnutziges Ding geblieben, — mit etwas Interesse für Tand und einer großen Leere im Herzen. Ich glaube, Sie legen einen Hauptwert auf Ruths geistige Entwickelung. Ich auch. Aber dazu verhält sich ein frühes gleiches Liebesleben nicht als Gegensatz, sondern als die einzige gesunde, natürliche Grundlage auch des Geistesstrebens im Weibe. Nicht nur damit Sie Gehilfin des Mannes sei. Häufig langt es ja gar nicht zu mehr. Wo es aber langt, — desto besser. Von meinem Mann glaube ich bestimmt, daß er mich im Ergreifen eines jeden Berufes unterstützt hätte, zu dem eine entsprechend große Befähigung vorhanden war. Nicht aus reiner Selbstlosigkeit natürlich. Liebe ist nicht selbstlos. Wohl aber, um den ganzen frischen Duft, die ganze Fülle und Freude um sich zu haben, die nur derjenige Mensch auf seine Umgebung ausstrahlt, der voll erblüht. Und daß zwei Blüten bei einander stehen wollen: das bedeutet ja wohl ›Ehe ‹ —.«
Erik sprang auf und warf den Brief auf den Tisch. Etwas ganz andres, als er gesucht, hatte er darin gefunden, — etwas ganz Unerwartetes: einen unbewußten Vorwurf.
Seine Ehe mit Bel, das waren keine zwei selbständigen Blüten, die zusammenstanden: das war eine Blüte, die einen Tautropfen aufgesogen, der unvorsichtig in ihren Kelch gefallen war.
So würde es wohl Frau Römer ausdrücken.
Römers standen eben von vornherein anders zu einander. Sie bewunderten sich gegenseitig, — eigentlich war es rührend. Man konnte nicht recht darüber lächeln: man mußte diese beiden Menschen achten.
Bel konnte aber nicht mit Frau Römer verglichen werden. Als er sie fand, ein Jahr älter als er selbst, sinnbethörend schön, bereits fertig mit ihrer kurzen Entwickelung, — ein in gewisser Weise viel fertigerer Mensch als er, — was hätte er da wohl andres thun können, als dürstend in sich aufzusaugen, was, nach Selbstuntergang sehnsüchtig, sich ihm darbot?