Ich soll Ihnen von Jurii schreiben, sagt Frau Römer. Ob ich ihn lieb habe. Ich habe ihn lieb. Und ich soll alles so erzählen, wie es gewesen ist. Es ist so gewesen: Um den Schloßberg stürmte und regnete es. Ich durfte nicht in die Stadt hinuntergehen, weil ich mit Husten zu Bett gelegen hatte. Ich ging aber doch hin, um mir ein Buch für meine Arbeit zu holen. Unten fand ich Jurii, und er brachte mich nach Hause. Wir gingen unter einem Schirm und mußten uns gut zusammendrücken. Es war aber sehr glatt, und Jurii mußte immer nur achtgeben, daß ich mit den Galoschen nicht ins Rutschen kam. Da sagte Jurii zu mir: ›Ich liebe Sie. Ich liebe Sie so sehr. Werden Sie, bitte, meine Frau.‹ Das sagte er aber russisch, und darüber fing ich an zu lachen, denn wir sprechen ja immer deutsch. Da sagte er noch: ›Ich weiß jetzt, daß Sie mich nicht wiederlieben. Dann gibt es kein Glück mehr auf der Welt. Sterben möcht' ich.‹ Darüber, daß er sterben wollte, wurde ich ganz traurig, und er wurde es auch. Wir achteten nicht mehr auf den Schirm und auf die Galoschen, ich verlor einen, und der Regen lief uns in den Rücken. Frau Römer schalt sehr, als wir pudelnaß ankamen, steckte mich ins Bett und kochte heißen Thee auf. Ich lag und weinte, denn ich wußte nicht, wie ich es anfangen sollte, damit wir wieder vergnügt sein könnten. An derselben Wand stand aber im Nebenzimmer ein Diwan, und da lag jemand und that dasselbe. Frau Römer kam herein, und horchte, ob nebenan auch jemand weinte und lächelte etwas und sagte, wir wären rechte Kinder. Darauf setzte sie sich an mein Bett und streichelte mein Haar zurück (das thut sie gerade so wie Sie) und fragte: ob ich Jurii denn nicht ein wenig lieb hätte. Ich sagte: ›Ja.‹ Da sagte sie: ›Ich meine es anders. Denke einmal nach, was dir das Schönste auf der ganzen Welt ist? gehört Jurii dazu?‹ Ich dachte nach und sagte, das Schönste auf der ganzen Welt sei ja, daß ich Ihr Kind sei. Darauf sagte sie: ›Vielleicht jetzt noch. Aber kannst du dir denn nicht denken, daß es später noch viel, viel schöner wäre, einem andern zuliebe Braut zu sein?‹ Das konnte ich mir nicht denken. Da fragte sie nichts mehr. Sie küßte mich und ging fort.

Heute ist Jurii fortgereist. Er will nicht mehr hier studieren. Ich stand gerade bei meinen vielen Schneeglöckchentöpfchen, die ich im Februar unten in der Gärtnerei gepflanzt habe. Ich schnitt die aufgeblühten ab für Frau Römers Glas, damit sie wieder gut sein sollte. Da kam Jurii in mein Zimmer. Er wollte die Blumen haben und einen Kuß. Er sah so blaß und verweint aus. Ich gab ihm die Blumen. Und den Kuß gab ich ihm auch.

So ist es gewesen.

Ruth.«

Klare-Bel hatte ihre Augen vom Lesenden abgewendet. Sein Gesicht verriet alles, was im Brief stand. Allzu deutlich verriet es, daß sein Schreck umsonst gewesen war.

Erik in dieser Abhängigkeit zu sehen von dem, was Ruth that oder unterließ, — das war gräßlich. Das wollte sie nicht sehen.

Sie hatte gemeint, das Schwerste sei über sie gekommen: gestern. Aber nicht, es zu wissen, war das Schwerste, — nein, es mit wissenden Augen zu beobachten, täglich, stündlich, es bestätigt zu finden in solchen kleinen Vorgängen. Dieses Lieben und Schwanken mit anzusehen, — das war schwerer. Nicht nur schwerer, — unmöglich war es.

Und dann, — wenn Ruth einen andern abwies, — dann liebte wohl auch sie Erik. Und wenn sie ihn liebte — dann erst war er für Bel verloren. Auf sein Glück konnte er vielleicht verzichten — für Bel; auf Ruths Glück nie. Nicht, wenn er sie wirklich liebte. Wo die stärkere Liebe blüht, da wächst auch das stärkere Pflichtgefühl: da sorgt man nur noch um das Glück des andern.

So empfand Klare-Bel.

Am nächsten Tage fehlte sie beim Morgenfrühstück. Gonne hatte es ihr auf ihr Zimmer bringen müssen.