Ihre klugen Gedanken mißverstanden ihn vollkommen. Sie glaubte ihn eigentlich als Mann in seinem eigenen Heim befriedigt, aber als Mensch in seinem Wirkungskreise unbefriedigt. Und wenn sie, scherzend oder ernst, von »Versuchungen« für ihn sprach, so meinte sie damit gelegentliche Versuche, die hungernde Thatkraft durch Näschereien und Tändeleien zu betäuben. War jetzt so etwas im Spiel? Jetzt, wo Erik so völlig zurückgezogen lebte, — schon seit einem Jahr? Wo er ganz aus der glänzenden, leichtlebigen Welt der Gesellschaft verschwunden war, die ihn einst fesselte, und die er gefesselt hatte? War eine Frau im Spiel? —

Wenige Tage später, an einem Sonntag vormittag, wollte Warwara eine notwendige Besichtigung ihres Landhauses zum Anlaß nehmen, um bei Erik vorzusprechen und zu erfahren, ob Jonas mit guten Nachrichten von der Grenze heimgekommen sei.

Beim Einsteigen in die erste Klasse des finnländischen Zuges erstaunte sie darüber, sich nicht allein zu finden. In der Ecke ihr gegenüber saß eine ganz junge Dame und blickte mit großen, erwartungsvollen Augen zum Fenster hinaus.

Warwara betrachtete sie mit flüchtigem Interesse. Wie immer, fielen ihr zuerst und hauptsächlich lauter einzelne Aeußerlichkeiten auf.

Ein zarter, geschmeidiger Wuchs; das eng anliegende dunkelblaue Tuchkleid mit offenem Jackenteil, auf tiefrotem englischen Flanell abgefüttert, zeigte nur hoch am Halse einen kleinen weißen Linnenstreifen. Ein schmaler Fuß guckte, in ungeduldiger Bewegung, unter dem Rock hervor. Aschblondes Haar, von einer starken Schildpattnadel im Knoten zusammengehalten, drängte sich um Stirn und Schläfen in seinem Gelock aus einem weichen Barett von dunkelblauem Sammet hervor.

In Warwara stieg eine unbestimmte Erinnerung auf, sie wußte nicht, an wen. Eine junge Engländerin? So eindringlich blickte sie auf ihr Gegenüber, daß dasselbe sich ein wenig befremdet nach ihr umwandte.

Ein paar Sekunden lang erwiderte das junge Mädchen fest und forschend ihren Blick. Dann grüßte sie mit einem schwachen Lächeln.

Das Lächeln half Warwara plötzlich auf die Spur.

»Ruth!« entfuhr es ihr. Sie verbesserte sich sofort, lachend: »Verzeihen Sie nur. Die Zudringlichkeit erst und jetzt. Aber ich suchte und suchte, und was ich fand, war, was mir im Gedächtnis geblieben: Ihr Vorname.«

»Es genügt ja vollkommen,« sagte Ruth. »Ich nehme an, wir haben Einen Weg?«