»Nein!« versetzte Warwara mit raschem Takt, denn sie wollte nicht stören, »ich fahre nur zu einer Besichtigung meines reparaturbedürftigen Landhauses hinaus. Aber unsre Freunde erwarten Sie?«
Ruth errötete und schüttelte den Kopf.
»Nein; ich bin sehr — ganz unerwartet von Heidelberg abgereist,« entgegnete sie mit auffallender Befangenheit.
Warwara durchzuckte blitzähnlich ein Verdacht. »Das ist sie, — die ›Versuchung‹,« dachte sie, »sehr jung, aber ich argwöhnte schon damals hinter ihren geübten Formen: sehr durchtrieben.«
»Da wird es Ihnen leid thun, eine Lücke zu finden,« bemerkte sie laut, »denn Sie wissen wohl noch gar nicht, daß Sie Klare-Bel nicht treffen? Sie ist schon abgereist.«
»Nein!« rief Ruth betroffen, »das konnte ich ja noch nicht wissen! Es hat doch keinen schlimmen Grund? Ja, das thut mir leid!«
Sie sah so ehrlich aus mit ihren ungeduldig fragenden Augen, daß Warwara sich schämte. »Sie wußte wirklich nichts davon; es war nicht verabredet; was bin ich für ein häßlicher Mensch!« sagte sie sich, und wandte sich in herzlichem Tone zu Ruth: »Nein, kein schlimmer Grund. Klare-Bel ist so gesund, wie man es nie hat erwarten dürfen, und nun geht es stetig bergauf. Im Anfang des Winters hat sie freilich noch viel aushalten müssen. Einmal sagte sie zu mir in trübem Scherz: ›Erik muß mich mit Gewalt dazu zwingen, gesund werden zu wollen.‹ Eine Operation hat er selbst gemacht, weil die Aerzte es nicht wollten — ohne Betäubung. Der Mann hat Eisen im Blut. Aber es hat ihn gehörig geschüttelt. Ich hab' ihn ein paarmal gesehen: blaß wie ein Tuch.«
Ruth lauschte stumm, ihre Hände verschlangen sich in ihrem Schoß, die Lippen öffneten sich halb, die Augen sagten immer nur: »Mehr!« Als Warwara schwieg, atmete sie tief auf.
»Das schrieb er nicht, daß er selbst, — — daß er ihr eigentlich selbst die Gesundheit wiedergegeben hat. Aber so mußte es sein! Er kann alles, was er will! Und das wollte er so aus voller Seele, daß sie wieder gesund und glücklich sein sollte. Er hat dafür gelebt. Wie grenzenlos froh müssen sie jetzt sein! Nun, wo er alles zum Guten geleitet hat! Nun, wo es ist, wie er will: wo sie glücklich ist.«
Sie sprach hingerissen; ihre Augen blitzten.