Warwara betrachtete sie nachdenklich. Sie kam ihr gar nicht mehr, wie damals, so formell abgeschliffen und gewandt vor, sondern im Gegenteil wie ein Wesen, an dem alles Beseelung und nichts mehr Form ist. Eine Seele, bis zum Rande gefüllt mit Hingebung und Gläubigkeit, — — und Liebe? Dann konnte sie nicht mit so kindlicher Unbefangenheit und Freude sprechen. Keine Liebe? Dann konnte sie nicht mit diesem Blick und diesem Ton sprechen.
Der Zug hielt. Sie stiegen aus.
Warwara bequemte sich dazu, eines der kleinen rasselnden Fuhrwerke zu benutzen, die am Stationsgebäude bereit standen, und deren Kutscher sie sofort umschrieen. Ruth hatte einen andern Weg. So trennten sie sich.
Warwara sah sich im Fortfahren noch wiederholt nach ihr um.
»Es ist etwas an ihr, das nicht in das Leben gehört, — Poesie. Poesie im Konflikt mit dem Leben, — was ergibt das wohl?« dachte sie; — »es ist, wie wenn man die erste Seite eines Romans aufgeschlagen hätte: — o pfui, nein! — oder: die letzte eines Märchens.«
Ruth ging langsam hin, zwischen den kahlen Birken am Wegrande; nicht in Hast, ein paar Minuten früher anzukommen. Mit einem lauschenden Gesichtsausdruck atmete sie den Frühling um sich her ein, als ob er in tausend Blüten um sie stände. Noch war er nicht da, man sah ihn nicht, — und doch war er da, in der Luft, in alles erfüllender unsichtbarer Gegenwart. Man hörte ihn; in einzelnen feinen kleinen Singstimmen sang er von den blattlosen Zweigen.
Der Himmel hatte sich schwach bedeckt, die Sonne schien nur in verhaltenem Glanze nieder, — Ton, Licht, Farbe wirkten gedämpft, verhüllt, und wie eine Verheißung.
Und nun stand Ruth am alten Lattenzaun mit der knarrenden Gitterpforte. Sie öffnete, durchschritt den Garten und stieg, zaudernd, leise, ein paar Stufen zur Terrasse hinauf.
Vorsichtig vornübergebeugt spähte sie von der Seite her in das breite Fenster des Wohnzimmers, ob jemand darin anwesend sei.
Der Tisch war zum zweiten Frühstück gedeckt; hinter den Tellern mit kaltem Fisch und fleischgefülltem Gebäck dampfte der Samowar.