»— Weil, — es ist dasselbe, was im Brief war, nur in diesem einen, — als ob er gar nicht von Ihnen kam, — und dann: wie ich von Ihrer Frau sprach, im Garten, — und dann: im Kuß, — da fühlte ich es ganz deutlich, das Fremde darin, und daß es — —«
»Daß es —?«
»Daß es nicht sein soll,« flüsterte Ruth, »weil es ist, als ob Sie es nicht sind. Ein Fremder. Ein Schlechterer.«
Er antwortete nicht.
Wie sie aufblickte, schüchtern, fragend, da hatte er die Augen geschlossen.
Nach einer Pause sagte er mit gedämpfter Stimme: »Du täuschest dich. Es ist nichts Fremdes, — nichts Schlechtes. Ich bin es selbst, — und in dir selbst ist es, du erkennst es nur nicht, — mit deinen Kinderaugen.«
Er strich ihr über das Haar hin, und sah hinweg über sie, die, den Kopf unter seiner Hand gebeugt, erwartungsvoll lauschte.
»Weißt du noch, — als du das erste Mal hier warst, — was wir da an dieser Stelle miteinander sprachen, und was ich dir versprach? Ich wollte dich aus der Welt der Phantasie, in der du träumtest, in die Welt des wirklichen Lebens führen. Das ist damals geschehen, Ruth, und du bist nicht das Kind mehr, das träumt, sondern ein voll erwachender Mensch, der lebt, — lebt mit allen seinen jungen Kräften. Aber weißt du, wodurch das gelang? wodurch ich dich so in deinem ganzen Wesen habe bestimmen und entwickeln können? Nur weil es einen einzigen Punkt gab, wohin sich alle vertriebenen Traumgeister, alle verstummten Märchen, alle Mächte der zaubernden und dichtenden Phantasie flüchteten. Dieser Punkt war dein Verhältnis zu mir. Da ging dein Blick noch nicht auf die Wirklichkeit, sondern, über jede Wirklichkeit weit hinaus, auf alles, was einem Kinderherzen anbetungswürdig ist. Da lebtest und gehorchtest du nicht einem Menschen, sondern einem über alle Menschen emporgehobenen Bilde, — in deinem Innern. Aber diese ganze Traumschönheit, Ruth, in der dein Verhältnis zu mir noch steht, — sie ist dennoch nur eine glänzende, strahlende Form, eine kindliche Umhüllung, — nicht das Wesentliche daran. In ihr schläft, wie in einem Märchen, die dir unbekannte Wirklichkeit und Menschlichkeit und wartet darauf, daß sie erwachen darf. Erwachen aus dem Traum zum Leben, wie dein ganzes übriges Wesen.«
Er brach ab.
Sie sah aufmerksam und ernsthaft auf, bemüht, seinen Worten genau zu folgen.