»Deine schönen Märchengeschichten,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort, »habe ich dir zerschlagen müssen, weil sie dein volles Leben aufhielten. Das schmerzte nicht sehr, denn die saßen ja nur in deinem Kopf. Wenn ich nun die Phantasiewelt zerstören muß, die mit deinem ganzen Herzen verwachsen ist, — und dir Schmerz damit zufüge, — wirst du dein Vertrauen behalten, Ruth, deine Liebe — zu mir?«
Sie versuchte aufzustehn, ein Gefühl der Angst überkam sie plötzlich. Er hielt sie zurück.
»Höre mich, Ruth. Wenn ich dir nun sagen würde: der Brief, daß der dir fremd klang, war, weil ich selbst in Zweifel und Zwiespalt und Angst war; — daß ich dich küßte, war, weil ich nach Glück durstig war und mein Glück langer nicht entbehren kann; — daß ich es nicht ertrug, dich von meiner Frau sprechen zu hören, war, weil — ich keine Frau mehr habe, — weil sie sich von mir trennen wird.«
»Nein!« sagte Ruth atemlos, »das würd' ich nicht glauben. Nicht glauben, auch wenn Sie es mir — — Nie und nimmer kann das sein. Kann nicht. Denn sie — sie war ja so glücklich — bei Ihnen.«
»Sie?« antwortete er schwer, »— ja, Ruth, — sie war es wohl, — früher. Nicht ihretwegen muß es sein. Meinetwegen. Deinetwegen.«
Ruth hatte sich langsam erhoben. Auf ihrem Gesicht prägte sich ein grenzenloses Befremden aus, — Zweifel, Unglaube, ja, Entsetzen prägte sich darauf aus. Ihr war, als müsse sie nach einem Entfernten, — nach Erik rufen, — ihn zu ihrer Hilfe rufen, vor einem Unverstandenen, Unbekannten. Aber er — er war es ja gerade, der da vor ihr stand —.
Erik sah den Wechsel in ihren Zügen, die Selbstbeherrschung verließ ihn. Er fühlte nur noch Angst, — die Angst, sie zu verlieren.
»Ruth!« rief er, »verzeih, daß du vor mir gekniet hast. Ich will es thun, vor dir. Nur sei mein! Nicht nur mein Kind mehr, — du bist kein Kind mehr, — ein Weib, — mein Weib!«
In diesem Augenblick wurde die Thür vom Flur aus aufgerissen. Jonas erschien auf der Schwelle. Er trat nicht ein. Er warf die Thür wieder ins Schloß. Man hörte ihn sich entfernen.
»Jonas!« murmelte Ruth, halb bewußtlos, »— wir müssen, — er hat gehört, — wir müssen nach Jonas sehen.«