Sie sah ihn vor sich, wie in weiter Ferne, wie er im vergangenen Mai im Mittagssonnenschein dastand, lichtüberstrahlt, die kranke Frau in seinen starken Armen. So hatte Ruth ihn zuerst mit ihr gesehen, — so ihn geliebt und angebetet, daß selbst das Mitleid darüber verflog. »Du allzuleichte Last!« scherzte er, und Klare-Bel lachte dazu und schlang vertrauend die Hände um seinen Nacken.
Aber nun — nun riß er ihr die Hände vom Nacken, und das glücklich vertrauende Lachen verstummte, — und sie, die sich an ihm festgehalten, ließ er fallen, — er öffnete die Arme und ließ sie, die Hilflose, zu Boden fallen, — denn eine Last war sie, eine allzuschwere Last für seine Kraft. Frei haben mußte er die Arme, die sich ausbreiteten nach Ruth.
Ruth richtete sich auf; sie strich das Haar aus ihrem Gesicht und schlich langsam zurück in Eriks Arbeitsstube. Auf dem Schreibtisch lag ein Haufen weißer unbeschriebener Blätter. Sie beugte sich darüber und fing an zu schreiben. »Ich muß fortgehen!« schrie es in ihr. Aber Eriks Bleistift formte die Buchstaben ganz anders. So kam heraus: »Ich gehe nicht fort. Ich gehe und bleibe Ihr Kind.«
Sie blickte auf die zitternden Bleistiftstriche nieder wie auf eine fremde Schrift. Das wollte sie also thun? Ja, das wollte sie. Er hatte ja heute gesagt, das alles sei nur in ihrer Phantasie gewesen, in ihrer Einbildung, daß sie sich als sein Kind gefühlt habe, — so ganz als sein Kind. Aber es konnte doch noch eine Wirklichkeit werden. Wenn sie es selbst verwirklichte. Es in ihrem ganzen künftigen Leben verwirklichte. Wenn sie ganz das wurde, was er sie gelehrt, was er mit ihr gewollt, als er sie zu sich nahm. Ein Stück von ihm, ein Werk von ihm. Sie hatte ja alles von ihm, — nur von ihm allein. Sie kannte alle seine Gedanken, alle seine besten. Die sollten lebendig werden, nicht nur geträumt: gelebt. Von ihr für ihn.
Ruth nahm das Papier vom Schreibtisch und legte es auf den Lehnstuhl.
Aber trotz dieser kühnen Vorsätze war ihr gar nicht kühn zu Mut, sondern elend und hilflos. Sie hatte ein einziges namenloses Verlangen: sich auf den Boden zu werfen und zu weinen. Erik herbeizuweinen.
Aber da vernahm sie in ihrem Herzen seine Stimme, — seinen eindringlichen, kurz überredenden Ton: »Den eigenen Willen festhalten! Haltung! Sich selbst gehorchen, — hörst du?«
Das war doch sonderbar. Klarer, sicherer, wesenhafter denn je stand er ihr bei: Erik gegen Erik.
Leise schlich sie sich aus dem Hause.