»Sie haben vielleicht recht zu spotten, und es würde nur sentimental klingen, wenn ich antworten wollte: nein! mehr als das, — eine gemeinsame Sehnsucht,« entgegnete sie, dicht neben ihm, der ebenfalls aufgestanden war, »Sie haben tausendmal recht. Wir haben ja nie ein ernstes Wort miteinander gesprochen. Und ein Mann braucht keinen Bundesgenossen. Er kann's allein.«

Sie sprach ganz ernst, es klang beinahe echt, und was sie sprach, stimmte so eigentümlich zu der Schwermut der dunkeln Augen. Eine Minute, — eine verschwindende Minute lang, fühlte Erik, wie seine Phantasie ihm etwas vorgaukelte. Eine Sehnsucht brach heiß in ihm auf, über die der Verstand lachte, — und ein wilder, herrischer Wunsch, den lachenden Verstand unter die Füße zu treten und einen schönen Selbstbetrug wahr zu machen.

Ohne genau zu wissen, was er that, hatte er die Hand ausgestreut; es war eine fast befehlende Bewegung, wie ein: »Bleib!« Er sah nichts mehr deutlich, er empfand nur die Nähe dieser schmiegsamen Gestalt, dieser Augen, von denen Sehnsucht ausging.

Und plötzlich küßte er sie mit geschlossenen Augen auf den Hals und die Wange. Nicht tändelnd, versuchend. Rasch, heftig, fast gewaltthätig.

Er murmelte halb unverständlich: »Mach es wahr! mach es wahr! laß mich nicht aufwachen! Suchtest du mich?«

Bei seinen bewußtlosen Küssen überfiel Warwara ein plötzlicher Schreck. Sie war selbst berauscht gewesen, einen Augenblick lang, aber die Wucht, mit welcher er darauf einging, ernüchterte sie ebenso rasch. Durch die momentane Erregung seiner Sinne hindurch spürte sie etwas von dem tiefinnersten Hunger und der Sehnsucht in ihm, an die sie unvorsichtig gerührt hatte. Nicht wie eine Dreistigkeit die erstaunt oder verletzt, empfand sie seinen Kuß, sondern wie eine lähmende Gefahr für Leib und Seele, die zu verschlingen droht, was ihr zu nahe gekommen ist.

Mit einer heftigen Bewegung hatte sie sich freigemacht.

Ihr Blick lief über ihn hin. Eigentlich sollte er ihr wie ein Kind vorkommen, das so erfüllt ist von Lebensverlangen und ungeduldiger Erwartung, daß es nicht mehr zu spielen vermag. Es zerbricht gewaltsam das dargebotene Spielzeug, um zu sehen, was dahinter ist, und bleibt mit enttäuschtem Gesicht stehen.

Das wollte sie nicht. Lieber noch gespielt haben, als zu ernst genommen werden, — so ernst, daß ihr Inneres bloßgelegt und an unmöglichen Illusionen gemessen würde. Sie fürchtete sich vor dem enttäuschten Gesicht.

Erik mißverstand die Heftigkeit ihrer Bewegung. Aber sie weckte auch ihn. Er hatte ja nur einen Augenblick vergessen, daß sie spielte. — Seine Erregung verflog sofort. Nur etwas Spott blieb in den Augen und um den Mund zurück. Spott über sich selbst.